Neun-Euro-Ticket der Bahn:Nur noch zwölf Stunden Liveblog bis nach Sylt

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Neun-Euro-Ticket der Bahn: Vor allem ist das Neun-Euro-Ticket die ultimative Aufforderung für die Geschichte mit Überschrift "Von x nach Sylt".

Vor allem ist das Neun-Euro-Ticket die ultimative Aufforderung für die Geschichte mit Überschrift "Von x nach Sylt".

(Foto: Peter Gercke/dpa)

Sind die Züge zum Start des Neun-Euro-Tickets mit Reportern überfüllt? In der Branche ist das längst ein Running Gag. Eine kleine Presseschau.

Von Harald Hordych

Seit einem Vierteljahrhundert gibt es das Bayern-Ticket der Deutschen Bahn übrigens bereits. Wenn man zu fünft reist, kann man für 11,60 Euro quer durch Bayern mit Regionalbahnen zuckeln, im Milchkannen-Express.

Seit dem 1. Juni gibt es nun für drei Monate ein Deutschland-Ticket. Es heißt Neun-Euro-Ticket, und man kann damit auf Nahverkehrszügen der Deutschen Bahn durch das ganze Land reisen. Der Start dieser spektakulären Aktion wurde von vielen Hoffnungen, aber auch von Chaoswarnungen begleitet, einer Angst vor überfüllten Bahnhöfen und Zügen, der Angst um ein untergehendes Sylt, das von Billigtouristen überschwemmt wird. Dementsprechend war der Start in den Redaktionen landauf, landab an zwei journalistische Extremsportarten gekoppelt, namentlich den genialsten Weiterdreh und die überraschendste Reporterentsendung.

Wie bei jeder Art von Sturm kündigte sich auch der Neun-Euro-Ticket-Berichtsturm mit einer vergleichsweise leichten Brise an: Das waren die sachlichen Erkundungen, wie viele Leute sich das Ticket überhaupt besorgt haben und ob die Züge am Wochenende rammelvoll sein werden. Das ist Service, macht Arbeit und löst keine Bewunderungsmails vom Chef aus. Dass offenbar gute Informationsarbeit von Bahn, Bund, Medien geleistet wurde, wird exemplarisch deutlich, wenn die Augsburger Allgemeine bei ihrem Rechercherundgang durch den Bahnhof schreiben kann: "Klar ist vielen dagegen, dass das Neun-Euro-Ticket nicht für den Fernverkehr gilt." Aufatmen. Mindestens mehrere Augsburger wissen, wovon die Medien die ganze Zeit reden. Auf geht's, bundesdeutscher Nahverkehrsjournalismus!

Eins ist klar beim Rundblick durch die Nah- und Fernverkehrszeitungen: Am Bahnhof rumfragen reicht nicht, rein in den Zug. Mitfahren. Der Kölner Stadtanzeiger hatte einen Liveblog mit Reportern aus den Regiozügen von Köln nach Westerland aufgesetzt.

Immer nah am Ticketkäufer: Ob die nun in der Schwarzwaldbahn oder in der Bayerischen Oberlandbahn sitzen - die Reporter wollen immer wissen, wer und warum er oder sie das Ticket erstanden hat. Und schon wendet sich beim Studium des Schwarzwälder Boten das Blatt: "Erstaunlich an diesem Mittwoch: Trotz des vorangegangenen wochenlangen Hypes um das Ticket, sind einige Fahrgäste unerwartet uninfomiert. Eine junge Frau denkt, dass das Ticket erst ab 9 Uhr gilt, ein Auszubildender glaubt, man könne mit einmalig neun Euro drei Monate lang fahren, und eine ältere Dame meint, das Ticket gelte nur für einen Tag."

Endlich mal wieder Namen wie Trochtelfingen oder Büsenbachtal in den Unterzeilen

Von diesen doch recht widersprüchlichen Eindrücken irgendwo zwischen Augsburg und Schwarzwald geht es schnell weiter zu allgemeingültigeren Fragen: "Wo sollen wir hin?" fragt Zeit Online - allgemein herrscht in diesen Tagen ja der Eindruck vor, dass wir plötzlich zum ersten Mal überallhin in Deutschland fahren können. Der Text steht im "Ressort Entdecken" und hat eine schöne Wendung als Thema: Er geht nämlich der Frage nach, auf welcher all der schönen Bahnstrecken, die nun alle suchen, Menschen of Color kein Rassismus droht.

Abgesehen von diesem originellen Weiterdreh ist das Neun-Euro-Ticket natürlich für Journalisten eine Einladung zum überraschenden Auffinden von Orten, die bislang abseits der durchrasten Fernzugtunnel praktisch auf einem anderen Kontinent gelegen haben. Deswegen haben viele die schönsten Bahnstrecken ausgemacht und natürlich auch die Freude ausgekostet, endlich mal wieder Namen wie Trochtelfingen oder Büsenbachtal in die Unterzeile schreiben zu können. Ein Reporter des Stern wurde gleich für 24 Stunden zu einem Selbstversuch auf großer Fahrt mit Nahverkehrszügen durch Deutschland verdonnert. Ja, verdonnert, denn da geht's leider nicht so besinnlich zu, mit Vor-sich-Hinträumen und so. Vielmehr finden sich Leserin und Leser plötzlich zwischen "schlagersingenden Provinzbesoffenen, mit Essensresten befleckten Sitzbezügen und eingleisigem Stillstand" mitten in der oft besungenen Bahn-Tristesse wieder, an die man in diesen Tagen der Neuentdeckung des fernreisenden Nahverkehrs eigentlich gar nicht erinnert werden wollte.

Sylt hat nach der Ticketlogik wie aus dem Nichts Mallorca als Sehnsuchtsort Nummer eins abgelöst

Wohin quälte sich der Stern-Reporter? Richtig. Vor allem ist das Ticket die ultimative Aufforderung für den Servicetext, die Geschichte mit der Idee oder Überschrift "Von x nach Sylt". Denn von Nürnberg nach Fürth kann ja jeder. Sylt hat nach der Ticketlogik wie aus dem Nichts Mallorca als Sehnsuchtsort Nummer eins der Deutschen abgelöst. Dementsprechend dramasensibel hat Bild.de schon die ersten Punker auf Sylt ausgemacht und einen tätowierten jungen Mann samt der Headline "9€-Ansturm zu Pfingsten?" abgelichtet.

Abgesehen davon, welche Schreckensnachrichten ab dem Wochenende von Sylt kommen werden - sehr ordentlich wurde landesweit wie vom Zugbegleiter persönlich kontrolliert, was es denn mit dem Chaos am 1. Juni auf sich hatte. Spiegel.de hat knallhart festgestellt: "Chaos? Keine Spur." Das ist zwar ein bisschen fad, gerade auch wenn Reporter von leeren, für Chaos ungeeigneten Bahnhöfen berichten, aber verleiht diesem nicht unumstrittenen Beruf jenen Anstrich von wertvoller Seriosität, der unbemerkt von wichtigen nationalen Medienbeobachtern jeden Tag im Lokaljournalismus geleistet wird.

Und wem das alles noch nicht reicht: Wie lächerlich es ist, wenn viel Aufwand um ein Thema betrieben wird, das erklären uns die Satiremagazine dann noch mal ganz genau: Der Postillon ließ Sylt den Bahndamm sprengen, um Neun-Euro-Ticket-Touristen fernzuhalten. Und die Titanic hat einen alternativen Frage-und-Antwort-Katalog aufgelegt. Unter anderem mit der Frage: "Wie viel kostet das 9-Euro-Ticket?" Antwort: "Nach allem, was bisher bekannt ist, höchstwahrscheinlich neun Euro. Es kommen allerdings noch Kosten für Taxifahrten dazu, weil vermutlich wieder einige Züge ausfallen werden."

Da ist sie wieder, unterschwellig, aber jederzeit hervorholbar: die latente Bahn-Wut. Für die Zeit aber war der Ticket-Start ein schöner Anlass für gleich zwei Texte: eine Einladung zum planlosen Herumreisen und für Gedanken über Zugverspätungen als Wellness Retreat. Diese Anregungen, das Ticket auch als eine Chance anzusehen, das Zugreisen als eine entspannte, lebensbereichernde Form der Fortbewegung zu erleben, erinnerte an einen Bekannten, der schon das Bayern-Ticket genutzt hatte, um regelmäßig von Aschaffenburg bis München zu reisen, und der dort die menschliche Gabe des Zugtagträumens erlernte. Er empfand es nicht als persönlichen Angriff, sondern als Geschenk, wenn Zugfahrten sich verzögerten. Umso länger durfte er sich dann durch die bayerischen Landschaften träumen. Vielleicht sitzt er ja dort, wo er jetzt ist, immerfort glücklich in einer niemals ankommenden Bimmelbahn, und der liebe Gott ist der Fahrdienstleiter.

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