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Neugier.de:Broders Magazin: Alles anders, alles gleich

Henryk M. Broders neue Zeitschrift präsentiert altbekannte Ansichten. Opulent ist die Optik - und der Preis.

Johannes Boie

Man kennt sie alle als im Wortsinne Autoren, Journalisten, denen keine Wunde zu frisch ist, um den Finger reinzulegen; als Publizisten, die Öl ins Feuer gießen - und sich an den Flammen erfreuen.

Henryk M. Broder

Schriftsteller und Journalist Henryk M. Broder (Foto von 2008): Bildung statt Betroffenheit.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Rund um den Mittelpunkt der Gruppe, Henryk M. Broder, hat sich mit der Zeit ein Autorenkollektiv festgeschrieben. Die allermeisten schreiben regelmäßig auf der Webseite Die Achse des Guten, aber auch im Wirtschaftsmagazin Brand Eins (Wolf Lotter), in der Welt (Dirk Maxeiner und Michael Miersch), im Spiegel (Henryk Broder), im Novo Magazin.

Und noch etwas haben sie gemeinsam. Seit Jahren sagen diese Querschreiber, dass sie es satthaben: Sie haben die Schnauze voll von dem, was sie als eine Art Ersatzreligion in Deutschland ausgemacht haben wollen, von der "Klimahysterie", vom "Bedenkenträgertum", "Gutmenschentum" und allzu viel Verständnis für allzu einfache Probleme.

Sie alle sind Anhänger von Kapitalismus, von Atomkraft, von Gentechnik und vermutlich auch von Stuttgart 21. Weil das tatsächlich eine Minderheitenposition ist, fällt es der Gruppe leicht, sich irgendwie revolutionär zu geben.

Man durfte also gespannt sein, was geschehen würde, wenn diese Journalisten sich für ein Magazinprojekt zusammentun und einmal nicht nur destruktiv, sondern konstruktiv wirken.

Ihr Heft Neugier.de heißt nur wie eine Webseite, ist aber zunächst mal ein klassisches Printprodukt, das jetzt auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Es schreit den Leser gewissermaßen an: alles anders! Das Magazin ist auf besserem Zeitungspapier gedruckt und hat auch das Format einer Tageszeitung. Es wird aber nur ein, zwei Mal im Jahr im aufwendigen Pappschuber geliefert und präsentiert im Innenteil Bilder über gesamte Zeitungsseiten, was großzügig wirkt und außergewöhnlich ist.

Indien, Großformat, 22 Euro

Die Autoren sind nach Indien gefahren. So weit weg wie möglich von Claudia Roth, in eine vielfach beschleunigte Welt - irgendwo zwischen Kinderarbeit und Hightech. Die Begeisterung für den sich bahnbrechenden Kapitalismus steht in Neugier.de nicht nur zwischen den Zeilen. Tenor: In Indien gründen Jugendliche Internetfirmen, statt in der Jugendortsgruppe der Grünen über die Gender-Theorie zu debattieren. "Karriere aus dem Nichts", "Bildung statt Betroffenheit", "Wer spart, verliert" - die Überschriften sprechen für sich.

Ein bisschen liest sich also Neugier.de wie Kindernachrichten, denn Armut und Gewalt kommen in dem Heft nur dann vor, wenn sie erfolgreich bekämpft werden. Wie zum Beispiel an einer Universität für Design, die ihre Studenten aufs Land schickt, um Design als "soziale Verantwortung" zu begreifen.

Es sind Ansätze, die man von wirtschaftsliberalen bis wirtschaftslibertären Publizisten schon kennt, aber man liest und schaut dennoch ganz gerne rein: Weil die großformatigen Bilder sehr schön sind, die Texte mal nervend (Vera Lengsfeld über "die Dogmatiker der Klimareligion"), mal wunderbar geschrieben ("Broders Ausflüge"), aber auch anregend sind.

Und weil der Preis von 22 Euro pro Ausgabe ein angenehmes und klares Statement ist in einer Welt, in der guter Journalismus immer schwieriger zu finanzieren ist und nichts kosten soll.

© SZ vom 21.10.2010/joku

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