"Neufeld, mitkommen!" in der ARD Aussichten positiv, Ende bestürzend

Schauspieler Ludwig Skuras im ARD-Film "Neufeld, mitkommen!"

(Foto: WDR/Conny Klein)

Mobbing trifft nicht nur "die Dicken und Dummen": Der ARD-Film "Neufeld, mitkommen!" handelt von grausamen Taten unter Schülern. Aber keine von ihnen wird gezeigt. Und das ist gut so.

Von Johann Osel

Mobbing? "So etwas passiert doch nur den Dicken oder den Dummen", meint Großmutter Neufeld, die mit frischer Blutwurst und klugen Ratschlägen bei Sohn, Schwiegertochter und Enkel zu Gast ist. Es ist eine Familie, die in Verzweiflung erstarrt ist, die ihren behüteten, bürgerlichen Alltag zurück will. Nick, ein Teenager, wurde in der Schule geschlagen, an einen Stuhl gekettet, bepinkelt, mit einem Schraubenzieher vergewaltigt. Unbemerkt von den Lehrern; ausgeführt nicht von verwahrlosten Nachwuchskriminellen, sondern von Mitschülern mitten aus der Kleinstadt, den Söhnen der Nachbarn und des örtlichen Bäckermeisters. Doch der Fernsehfilm Neufeld, mitkommen! ist kein klassisches Mobbing-Drama, in dem Fäuste und Worte fliegen. Er dokumentiert nur die Folgen solcher Taten, zeigt Szenen der Stille. Er beginnt an der Stelle, an der Filme über Gewalt gewöhnlich enden - nach der Gerichtsverhandlung, bei der die Täter mit Sozialstunden davonkommen. Was laut Prozessakten nun beendet sein müsste, ist noch längst nicht ausgestanden.

Dahinter steht eine wahre Geschichte. Drehbuchautorin Kathi Liers hatte den Fall in einem Reportage-Buch der Journalistin Jana Simon entdeckt. Gemeinsam setzten sie den Spielfilm um, unter der Regie von Tim Trageser. Wichtig sei es gewesen, sagt Jana Simon, kein typisches Opfer vorzuführen. Der Junge komme nicht aus einem schwierigen Elternhaus, er sei ganz normal, habe keine Besonderheiten, die unter Pubertierenden schnell Ziel von Schikane werden könnten. "Wir wollten zeigen, dass es tatsächlich jeden treffen kann."

Der Rest ist Schweigen

Lange lassen die Macher des Films den Zuschauer im Unklaren, was genau vorgefallen ist. Nick (Ludwig Skuras) beginnt erst in der Mitte des Films zu sprechen. Er besucht nicht mehr den Unterricht, igelt sich ein, verstummt. Die Eltern versuchen, ein heiles Familienleben zu inszenieren, mit Lobeshymnen auf einen kalorienreduzierten Käse und absurd gespielter Normalität. Der Rest ist Schweigen. Nur die Mutter (Christina Große) flüchtet sich nach außen in einen Rachefeldzug, verbeißt sich in die Vorstellung, die Tragödie ungeschehen machen zu können. Im Supermarkt rammt sie einem der mobbenden Mitschüler einen Einkaufswagen in den Bauch. Lehrer will sie mit Dienstaufsichtsbeschwerden bestrafen. Ihr Credo: "Es gibt Täter und Opfer - wir sind Letzteres." Da ihr Mann (Ole Puppe) das so nicht mittragen will, kommt es zum Ehestreit.

Ob Nick am Ende in die Schule, ins Leben zurückfindet, wird offengelassen. Zumindest gelingt es seiner Familie, sich ein Stück aus der Opferrolle herauszubewegen, die Stimmung hellt sich auf, man findet die Sprache wieder. Aussichten positiv.

Der Film maßt sich nicht an, Lösungswege aufzuzeigen. Ein schweigsamer Film darüber, dass vermutlich Schweigen genau das Falsche ist. Das Arrangement mit der Rückwärtserzählung ist die große Stärke von Neufeld, mitkommen!. Der Film handelt von grausamen Taten, keine von ihnen wird gezeigt. Das ist gut so: Darstellungen von Gewalt auf Schulhöfen gibt es in anderen Filmen zuhauf und oft in überdrehter Form oder klischeehaft, man kennt diese prolligen, gefühlskalten Ghetto-Kids. Im Gegenzug übertreiben es die Macher von Neufeld, mitkommen! zuweilen mit der Metaphorik, da flattert schon mal eine Pausenbrottüte einsam im Wind.

Wenn heute über Mobbing diskutiert wird, verengt sich der Fokus allzu oft auf soziale Netzwerke. Zwar ist das ein wachsendes Phänomen, in Umfragen sagte jüngst ein Fünftel der 14- bis 16-Jährigen, dass sie schon mal Opfer von Schikane im Internet geworden sind. Das macht aber nicht ungeschehen, dass es Peinigung und Pöbeln in der realen Welt gibt. Der Film erinnert daran. Ein Happy End bietet er zudem nicht, auch wenn Nicks Leiden womöglich vorbei ist: In der Schlusssequenz deutet sich an, dass nun ein anderer Schüler als Opfer auserkoren wurde.

Neufeld, mitkommen!, ARD, 20.15 Uhr.