Neues Natur-Magazin "Walden":Die erste Frau im Heft ist charmanterweise nackt abgebildet

Lesezeit: 4 min

Natursehnsüchtige, die die Zivilisation satt haben, weil sie voller Globalisierungsdruck, Burnout, Konsumwahnsinn und Entfremdung steckt und aussieht wie Gotham City, sind daher auch die idealen "Paläo-Diät"-Anwender und Käufer von wetterfesten Jacken, die über "strategisch platzierte Funktionsmaterialien" verfügen, wobei man nur hoffen kann, dass die Strategie des Herstellers darin bestand, das Material so zu platzieren, dass die Funktion "Jacke" im Großen und Ganzen, hm, funktioniert.

Im Schöffel-TV-Spot "Ich bin raus" wendet sich ein solcherart gekleideter Herr ans Publikum: "An alle Proteindrinktrinker, Indoorstepper, Laufbandläufer . . . macht mal ohne mich weiter." Denn ihn, es ist immer ein Mann, ruft die authentische Natur, weshalb sich auch Walden strategisch richtig platziert, indem man sich an "Männer zwischen 25 und 50 Jahren" wendet, die zurück wollen zur sogenannten Natur.

Wollen Frauen nicht zur Natur zurück? Warten sie anmutig in den Städten, bis die Trapper wiederkommen? Im Heft begegnet man einer Frau erst spät. Auf dem Titel: zwei bärtige Kanuten mit Rucksäcken. Seite 2: zwei bartstoppelige Freizeitsportler, die für eine Versicherung werben. Seite 3: zwei unrasierte Redaktionsleiter (Harald Willenbrock und Markus Wolff) . . . Seite 6: wieder zwei Kanuten . . . Seite 18: eine Frau! Sie badet im Rätzsee - und charmanterweise ist sie nackt.

Natürlich. Man sieht weiter hinten im Blatt: Männer, die Steine übers Wasser hüpfen lassen. Männer, die Boote bauen. Männer in Schlafsäcken. Und Männer, die die Kunst der Arschbombe üben. Soll man einem Wilde-Kerle-Magazin verübeln, dass darin überraschenderweise viele Männer vorkommen? Nein. Soll man der Natur verübeln, dass darin offenbar kaum Frauen vorkommen? Absolut.

Das Landlust-Walden-Rollenverständnis: Frau mit Knöterich, Mann mit Kanu. Man ist froh, dass in Walden dem achtseitig entblätterbaren Foldout kein Centerfoldboy nackt und haarig dem Kanu entsteigt. Stattdessen hat der Kartograf Matthew Rangel von seinem Weg durch das Karwendelgebirge herrliche Reiseskizzen mitgebracht.

Vielleicht doch lieber im Zimmer bleiben?

Die Gestaltung der Zeitschrift ist auch insgesamt zu loben. Hat man von außen noch das Gefühl, einen Packen Altpapier in die Hand gedrückt zu bekommen (Hochglanz wäre wohl die falsche Botschaft), so ist das Innere von eigenwilliger Eleganz. Walden macht durchaus Lust auf seinen Gegenstand. Man durchforstet es ganz gerne, was daran liegt, dass die Zeitschrift nicht von der PR-Abteilung contentisiert wurde.

Etwas mehr Humor würde dem Heft vielleicht ganz gut tun. Oder trägt man den jetzt nicht mehr zum Bart? Der ungewöhnliche Titel Walden bezieht sich übrigens auf ein Werk des amerikanischen Naturphilosophen Henry David Thoreau, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts in eine selbsterbaute Blockhütte zurückzog (Walden Hut). Später schrieb er darüber in Walden. Or Life in the Woods: "Jage deinem Leben nach. Genieße das Land . . . Tu, was du liebst." Leider ist er relativ jung gestorben - letztlich an einer Bronchitis. Er war nachts bei stürmischem Regen unterwegs. Da draußen. Ohne Funktionsjacke.

Hatte am Ende Blaise Pascal doch recht? Dann rührt alles Unheil daher, dass die Menschen nicht in ihrem Zimmer bleiben.

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