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Linke Zeitung "Neues Deutschland":"Man hält uns die Pistole auf die Brust"

Redaktion und Verlag Neues Deutschland, Franz-Mehring-Platz, Friedrichshain, Berlin, Deutschland *** Editor and publish

Redaktion und Verlag "Neues Deutschland" in Berlin. Die linke Tageszeitung stand schon oft vor dem Aus, nun scheint die Lage ernst zu sein.

(Foto: Schoening, via www.imago-images.de/imago images/Schöning)

Innerhalb von neun Monaten soll die linke Tageszeitung "Neues Deutschland" in eine Genossenschaft umgewandelt werden. Die Wut in der Belegschaft ist groß - die Idee ist keine neue.

Von Viktoria Spinrad, Berlin

Seit zehn Jahren arbeitet Haidy Damm beim Neuen Deutschland. Sie schreibt über den Zustand der Bäume, eingesperrte Klimaaktivisten, Zulieferer in Knebelverträgen, Bauernproteste. Am Samstagmorgen ist sie selber im Zentrum einer Demonstration. Zusammen mit etwa 15 Kollegen steht die 49-Jährige im zugig-kalten Wind vor dem Gebäude des Linken-Parteitags in Berlin-Kreuzberg und verteilt Flyer. "Vorwärts immer, rückwärts nimmer - nd bleibt", steht darauf. Sie sagt: "Es würde mir so leid tun, wenn es uns nicht mehr gäbe."

Die linke Tageszeitung stand schon oft vor dem Aus. Doch seit der Geschäftsführer und Gesellschafter Matthias Schindler der Belegschaft am vergangenen Montag im Video-Call ankündigte, dass die "Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH" zum Ende des Jahres aufgelöst werden soll, sind die 100 Mitarbeiter in heller Aufregung. Sie hätten nun zwei Optionen: Die Zeitung aufgeben - oder sie mittels einer Genossenschaft selber in die Hand nehmen. Schindler selbst will den Verlag als Geschäftsführer zum Jahresende verlassen.

Haidy Damm schüttelt den Kopf. Grundsätzlich sei ein großer Teil der Belegschaft ja offen für die Idee, eine Genossenschaft zu gründen. "Aber wir brauchen mehr Zeit", sagt sie. "Man hält uns die Pistole auf die Brust."

Den Standort gleich vor dem Veranstaltungszentrum des Linken-Parteitags haben die Mitarbeiter am Samstag bewusst ausgewählt. Die Zeitung gehört zur Hälfte der Linken. Von deren Parteitagen ist sie kaum wegzudenken. Doch ist die Zeitung auch eine finanzielle Last. Immer wieder muss die Partei Geld bezuschussen, damit das journalistische Herz des Sozialismus weiter schlägt.

Neues Deutschland wurde 1946 in der sowjetischen Besatzungszone Berlins gegründet. Als Zentralorgan der Staatspartei SED feierte es Stalin und die Arbeit des späteren Parteichefs Erich Honecker. Er persönlich soll vor dem Druck der Zeitung noch immer mal wieder gegengelesen haben. Nach der Wende gehörte sie erst zur Nachfolgepartei PDS, seit deren Fusion mit der WASG im Jahr 2007 zur Linken.

Die Frage ist jetzt: Wird die Partei die Zeitung fallenlassen? Oder steht sie noch hinter dem Blatt?

Letzteres bekräftigt der zu dem Zeitpunkt Noch-Parteichef Bernd Riexinger, als er eine halbe Stunde vor dem Beginn des Parteitags auf die Belegschaft trifft. "Wir wollen, dass es eine linke Tageszeitung gibt", sagt er und erinnert daran, wem es zu verdanken sei, dass es sie überhaupt noch gibt: "Wir haben dafür gesorgt." Es ist ein Bekenntnis mit begrenzter Schlagkraft: Denn am Ende sind es die beiden neuen Parteivorsitzenden Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow, die das Ruder herumreißen müssten.

Haidy Damm

Haidy Damm, 49, Wirtschaftsredakteurin, arbeitet seit 10 Jahren beim "Neuen Deutschland"

(Foto: Viktoria Spinrad)

Daran erinnert auch der Schatzmeister der Linkspartei, Harald Wolf, der ebenfalls von der Belegschaft abgefangen wird. "Jetzt mal keine Panik", sagt er. Der Beschluss der Gesellschafter könne erst umgesetzt werden, wenn der Parteivorstand dem zustimmt. Ein Beschluss, von dem die Mitarbeiter zumindest bis zur Videoschalte am Montag nichts wussten - und von dem Riexinger auch nicht wissen will, dass dieser so gefasst wurde. Es habe Verhandlungen gegeben, sagt er, aber noch keinen Beschluss zur Auflösung der GmbH.

Das Verhältnis von Partei und Redaktion ist ein schizophrenes. Auf der einen Seite ist da die recht junge und weibliche Belegschaft, die die DDR nur noch aus Geschichtsbüchern kennt und über Frauenquoten und Transfeindlichkeit schreibt. Auf der anderen Seite sind da die alten Parteikader, die das nd teils noch als ihre Zeitung sehen und sich wundern, wenn auch mal ein kritisches Wort über die Linke geschrieben wird.

Um mit der alten Zeit auch namentlich zu brechen, wurde die Zeitung im vergangenen Jahr umgetauft. Seither erscheint sie unter dem Titel nd. DerTag beziehungsweise nd. Die Woche. Doch die Assoziation der alten Propagandazeitung schwingt bei vielen mit, wenn sie am Zeitungsständer die weißen Lettern auf blauem Hintergrund sehen.

Eben deshalb sehen viele die formale Trennung von der Partei durchaus als Chance, das alte Image als Linken-Sprachrohr abzuschütteln. Dazu kommen mögliche finanzielle Vorteile. Als das Gesundheitsministerium seine Anzeigenkampagne zum Impfen startete, blieb das nd außen vor - eben aufgrund der Eigentümerstruktur, wie Riexinger am Samstag sagt.

Es ist Geld, das die Zeitung gut hätte gebrauchen können. Sie macht seit Jahren Verlust, 2019 waren es laut Bilanz knapp 213 000 Euro. Gerade im Osten sterben ihr die Leser weg. Die Auflage hat sich in den letzten zehn Jahren auf 18 500 halbiert. Zwar versuchte man wie andere Medien auch, mit Online-Journalismus, einer Plattform für junge Menschen und Datenprojekten neue Leser zu gewinnen.

"Ich möchte das zu einem positiven Ende bringen", sagt Schindler

Doch am Ende muss das Geschäft mit dem linken Journalismus immer wieder subventioniert werden. Alleine in den letzten drei Jahren war es laut Riexinger eine Million Euro seitens der Partei. Nun, scheint es, sind die Gesellschafter erschöpft ob des Zuschussgeschäfts. Geschäftsführer Matthias Schindler sagt auf SZ-Anfrage, man sei in Analyse der Entwicklung der letzten 30 Jahre zu dem Ergebnis gekommen, dass die Veränderungsprozesse "an die wirtschaftlichen und gesellschaftsrechtlichen Grenzen gestoßen sind." Darauf müsse man reagieren, "wenn es um die Weiterentwicklung einer modernen, zukunftsfähigen linken Tageszeitung in adäquater Rechtsform geht."

Mit Genossenschaften kennt sich der 64-Jährige aus. Er hat schon mehrere genossenschaftliche Projekte gegründet. Umso schwerer wiegt nun der Vorwurf der Mitarbeiter, dass er Vorstöße in der Vergangenheit, die Zeitung in eine Genossenschaftsform zu überführen, unterbunden habe. "Das wurde immer abgewiegelt", schildert ein Mitarbeiter. Schindler weist das zurück. "Ich habe das nicht abgelehnt, sondern auf ein Angebot gewartet", sagt er.

Die Frage ist nun, ob die Mitarbeiter es schaffen, genug Genossenschaftsmitglieder mit entsprechendem Kapital zu werben. Aus dem Umkreis der Partei ist von einer Anschubfinanzierung durch die Gesellschafter von 1,2 Millionen Euro die Rede. Eine Zahl, die Geschäftsführer Schindler am Samstag weder bestätigen noch verneinen will. Fest steht: neben der Jungen Welt und der Taz wäre es die dritte Zeitung, die von einer Genossenschaft getragen wird.

So nervös die Redakteure nun auf den Zeitplan blicken, so optimistisch zeigt sich Schindler. "Aus meinen Erfahrungen halte ich es für wirtschaftlich machbar", sagt er. Zugleich deutet er an, sich auch selber zu beteiligen und sein Wissen zur Verfügung zu stellen - wenn dies denn gewünscht sei. "Ich möchte das zu einem positiven Ende bringen", sagt er.

Es ist ein Loyalitätsversprechen, an das Redakteure wie Haidy Damm ihn noch erinnern dürften. Sie sagt: Wäre dies das Ende der Zeitung, "dann wäre das ein ganz schlechtes gesellschaftliches Zeichen."

© SZ/fued
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