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Neue Talkshow von Peter Hahne:"Und nun ist auch mal gut"

Peter Hahne hat sich für die erste Ausgabe seiner neuen Gesprächssendung Margot Käßmann eingeladen. Im Protestantentalk gab der Moderator und Besinnungsschriftsteller den Wadenbeißer - der schnell einlenkt.

Sonntags zur allerbesten Sonntagsbratenzeit heißt es im ZDF künftig "Peter Hahne". Der gleichnamige Moderator, laut veranstaltendem Sender ein "erfahrener Politjournalist", soll eine knappe halbe Stunde lang live Zähne zeigen und Zunge - und so für den Verlust der stellvertretenden Leitung des ZDF-Hauptstadtstudios entschädigt werden.

Margot Käßmann Gast bei Peter Hahne

Margot Käßmann zu  Peter Hahne: "Und nun ist auch mal gut."

(Foto: dpa)

Hahne hat sich vorgenommen, zu allen freundlich und dennoch kritisch zu sein, lächelnd also Widerwort zu geben. Diese rare Kunst wäre besonders gefragt gewesen, hätte er beim Debüt zwischen eins und halb zwei einen seiner Favoriten bekommen, Horst Köhler oder Roland Koch. Auch bei Lena Meyer-Landrut klopfte Hahne erfolglos an. Stattdessen saß nun die Bestsellerautorin Margot Käßmann neben ihm im gläsernen Studio, das Brandenburger Tor im Rücken. "In der Mitte des Lebens" heißt das Selbstfindungsbuch der Pastorin, "Mitten aus dem Leben" hat sich Hahne zum Motto erkoren. Das passte nur zu gut.

Eine innerprotestantische Kuschelrunde war zu erwarten: zwischen einer Frau, die über zehn Jahre als Bischöfin die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers leitete, und einem Mann, der für 17 Jahre dem höchsten Gremium der evangelischen Kirche angehörte, dem Rat, dem wiederum Käßmann bis zu ihrer Alkoholfahrt Anfang 2010 vier Monate vorstand. Auf einen tiefen, nicht unbedingt spannenden Einblick ins evangelische Juste Milieu ließ die Versuchsanordnung schließen.

Käßmann und Hahne haben jedoch einen ganz unterschiedlichen Begriff ihres gemeinsamen Glaubens. Der Bild-Kolumnist und Erbauungsschriftsteller ("Schluss mit lustig") rechnet eher dem evangelikal-pietistischen Umfeld zu, die vierfache Mutter vertritt einen feministisch angehauchten Eine-Welt-Protestantismus. Dessen Neigung zur politischen Salbaderei ist dem Bekenntnischristen Hahne ein Graus.

Insofern war die für Hahnes Verhältnisse ungewohnte Schärfe theologisch erklärbar. Hier rangen zwei Arten von Protestantismus miteinander. Ob sein Gast nach dem erzwungenen Rücktritt nicht in die Politik gehen wolle, "Bischöfe äußern sich ja immer so gerne"? Käßmann durchschaute das vergiftete Lob. Als naive Plaudertasche wollte sie dann doch nicht erscheinen. Nein, sie bleibe "ganz und gar Frau der Kirche", wolle sich nicht parteipolitisch binden. Zuvor hatte sie die Kirche "ein bisschen meine Heimat" genannt - Hahne dürften sich bei dieser Formulierung die Nackenhaare gesträubt haben.

Fortan knetete er seinen linken Zeigefinger noch heftiger. Auch nahm er häufig Zuflucht zur betenden Haltung, legte die Handinnenflächen direkt unter dem Kinn ineinander. Manchmal ballte er die Hände zu Fäusten: Käßmann durfte sich durchaus ins Gebet genommen fühlen. Widerstand schlug ihr in kleinen Portionen entgegen. Mehr als die Hälfte der Sendezeit war dem vergeblichen Versuch gewidmet, Unbekanntes über die Tage zwischen Käßmanns Alkoholfahrt und ihrer Rücktrittserklärung am 24. Februar 2010 zu erfahren. Immerhin wissen wir nun: Käßmann zweifelt am Messergebnis der Blutprobe, der zufolge sie 1,54 Promille Restalkohol gehabt haben soll. Die Hannoveraner Stadtfahrt zwischen Kino und Wohnung endete "zehn vor elf", es war also keineswegs eine "nächtliche Tour durch das Kneipen- und Rotlichtviertel", wie es eine überregionale Zeitung aus Frankfurt behauptet habe.

Überhaupt sei der Rücktritt von ihren kirchlichen Ämtern wesentlich das Resultat eines "ganz großen Drucks" gewesen vonseiten "dieser ganzen Presse". Um ihre eigene Würde zu schützen, sei der Rücktritt unausweichlich gewesen: "Bevor ich so behandelt werde, handele ich lieber selbst". Zur evangelischen Freiheit gehöre die Freiheit zu gehen.

Damit gab sie dem Theologenkollegen und Prediger, den sie abseits der Kamera duzt, eine Steilvorlage. Ausdruck von evangelischer Freiheit, konterte Hahne, sei es aber doch wohl kaum, "zu bechern und sich ans Steuer zu setzen?" Abermals griff Käßmann da zum Wasserglas. Ihre Augen wurden schmäler, ihre Züge härter. "Ich habe einfach einen großen Fehler gemacht", die Angelegenheit sei aber letztlich "kein so großes Drama. Und nun ist auch mal gut." Und damit Mitbruder Peter es auch ja nicht vergesse, wiederholte sie keine zwei Minuten später: "Nun ist auch mal gut."

Erwartungsgemäß betrübte sie sodann der Rücktritt Horst Köhlers, kritisierte sie das Sparpaket der Bundesregierung und warnte zugleich vor der "ewigen Politikerschelte". Einen aber hatte Hahne noch im Köcher: Ist die Reise nach Atlanta (USA), wo Käßmann von August bis Dezember dozieren wird, eine Flucht? Das gefiel dem Premierengast abermals nicht. Sie empfinde sich, biblisch gesprochen, als unverzagt. Außerdem kehre sie anschließend nach Deutschland zurück und hoffe, hier "irgendwann mal Großmutter zu werden."

Reichlich unvermittelt streifte Hahne das Kleid des Waderbeißers ab und flötete in die Kamera: "Das war die Bischöfin der Herzen." Margot Käßmann vergalt es ihm mit einem eiskalten Blick.

© sueddeutsche.de/plin
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