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Neue Staffel "The Voice of Germany":Wofür es sich zu schämen lohnt

Musikfernsehen in Deutschland hat eine Geschichte, aber keine Gegenwart. Jede Generation hatte wenigstens eine Sendung, die sie popmusikalisch sozialisiert hat. In den 60ern war das der Beatclub, von den 70ern an die ZDF-Hitparade, in den 80ern Formel Eins, von den 90ern an bis vor ein paar Jahren: die Revolution des Musikfernsehens dank MTV und der massentauglichen Kunstform der Videoclips.

MODERN TALKING

Vor knapp 14 Jahren stand er noch mit Thomas Anders auf der Bühne, jetzt richtet er als Juror in "Deutschland sucht den Superstar" über das musikalische Talent der Kandidaten: Dieter Bohlen, damals noch mit blonder Föhnwelle.

(Foto: DPA)

Blickt man heute auf diese Sendungen zurück, wenn sie etwa beim Digitalkanal ZDF kultur wiederholt werden, muss man nicht stolz sein auf die Auftritte von Modern Talking, die Hosen von Formel Eins-Moderator Kai Böcking, chauvinistische Rap-Videos oder gar die Ansagen von Dieter Thomas Heck. Aber man hat wenigstens etwas, wofür es sich zu schämen lohnt.

Seit vergangenem Jahr sendet MTV im Bezahlfernsehen, was schon fast niemandem mehr aufgefallen ist. Der deutsche Konkurrent Viva läuft unter Ausschluss einer erwachsenen Öffentlichkeit. Die Hauptsender haben ihre Bemühungen, Populärmusik populär zu präsentieren, ohnehin größtenteils eingestellt, wenn man mal von Stefan Raabs Bundesvision Song Contest absieht. Dass es theoretisch geht, zeigt die ARD nur auf ihren jungen Radiowellen und das ZDF im Spartenkanal ZDF kultur. Und sonst?

Video-Clips gibt es nur noch auf Youtube und im Museum. Wer Musik sehen will, geht ins Internet. Dort haben die Nutzer das Sagen und können berühmt machen, wen sie wollen. Die Arctic Monkeys etwa oder den Briten Eric Kleptone. Hier werden heute die Sterne geboren.

"Erstmal hab ich gekotzt"

Was fürs TV bleibt, sind ein wenig Volksmusik und faltige Oldie-Sendungen. So gleicht die gegenwärtige deutsche Fernsehmusiklandschaft den apokalyptischen Wüsten in Zombie-Serien. In solchen Wüsten reicht eine bescheidene Oase, um Hoffnung zu spenden. Wo nichts ist, ist wenig schon viel. Und so wenig ist es ja gar nicht.

The Voice of Germany wurde vergangenes Jahr als Franchise-Import aus der holländischen Endemol-Fabrik in die bestehende deutsche Casting-Landschaft geholt, die bereits mehr als 30 Musiktalente als neue Megastars verkauft hat. Juroren wurden gesucht, und Nena erinnert sich ganz ehrlich: "Ganz ehrlich, bei dem ersten Angebot hab ich erstmal gekotzt. Eine Castingshow? Völlig indiskutabel. Dann haben die mir drei, viermal die CD geschickt, die ersten hab ich alle ungesehen weggeworfen. Irgendwann habe ich mir dann doch eine angekuckt."

So wurde sie einer der "Coaches", der Trainer, wie die Juroren hier heißen, weil sie mit den Kandidaten, die hier Talente heißen, zwischen den Shows üben und mit ihnen die Musik aussuchen. Fair und mit Respekt sollten die Kandidaten behandelt werden, und der Gewinner der Show sollte im Gegensatz zu all den bisherigen TV-Siegern die Qualität haben, tatsächlich und mit Recht erfolgreich zu sein. Das Ende vom Lied: Kritiker und fünf Millionen meist junge Zuschauer sahen und hörten die formidable Yvy Quainoo sich durch die Staffel singen und siegen, ohne dass links und rechts von der Jury gedemütigte Ausscheider liegen geblieben wären.