Neue Serie Wer ist hier tot?

Polizist John River (Stellan Skarsgaard) kann mit den Toten reden. Dass es seltsam aussieht, wenn er so in die Leere spricht, weiß er aber auch.

(Foto: Nick Briggs)

Die BBC-Krimiserie "River" mit Stellan Skarsgård erzählt vom Innenleben eines Sonderlings: Ermittler River kann mit den Toten reden.

Von Benedikt Frank

Der Polizeiermittler John River strahlt und ist glücklich, wann immer seine Kollegin Stevie ihn mit ein paar kleinen Seitenhieben aufzieht. Er ist etwas altmodisch. Ein ruhiger Typ, der unbeholfen im Drive-in Burger bestellt. Anders Stevie, die neben ihm sitzt. Sie singt während der Fahrt laut mit, wenn Tina Charles' Disco-Hit "I love to love" im Radio läuft.

Die beiden könnten ein Krimi-Duo sein, wie es viele gibt. Eines dieser eingespielten Teams, wie man sie vom Tatort kennt: gegensätzliche Charaktere, die sich als Partner ergänzen und genug aneinander reiben, um nicht langweilig zu sein. Doch die BBC1-Produktion River ist nur an der Oberfläche eine klassische Krimiserie. River spielt von Beginn an mit den Erwartungen des Publikums. Statt wie sonst üblich in den ersten zehn Minuten alles zu sagen, was die Zuschauer wissen müssen, stürzt jede Gewissheit um die Hauptfiguren ein, nachdem sie gerade erst etabliert wurden.

Eine spontane Verfolgungsjagd endet tragisch. Rivers Vorgesetzte ist außer sich. Er hat diese Woche schon mehrmals falsch ermittelt, zu einem Fall, der noch dazu nicht seiner ist. Bevor sie ihn gehen lässt, sagt sie, er könne Stevie nicht zurückbringen. Doch Stevie grinst ihn an, ruft ihm lächelnd "Was weiß die schon!" zu, und spaziert mit ihm den Außenflur entlang, dreht sich dabei von der Kamera weg und entblößt eine große, tiefe Wunde in ihrem Hinterkopf.

Das ist erst der Auftakt und nicht etwa die irre Schlusspointe, selbst wenn die Szene an das Ende von The Sixth Sense erinnert. Auch Übersinnliches ist nicht am Werk. River weiß selbst ganz genau, dass die Toten - Stevie bleibt nicht die einzige - nicht echt sind und dass er seltsam aussieht, wenn er in die Leere spricht.

Mehr noch als von der Aufklärung eines Verbrechens erzählt die Serie also einfühlsam vom Innenleben eines Sonderlings. Bei der Polizei darf River auf keinen Fall mit psychischen Krankheiten auffallen. Schwäche zu zeigen, passt nicht hierhin. Doch River lebt in Trauer um seine Kollegin. Fast noch mehr setzt ihm die Angst zu, aufzufliegen und als Spinner dazustehen.

Die Rolle des Polizisten spielt Stellan Skarsgård, den man durch Lars von Trier kennt

Stellan Skarsgård, der zuletzt in Avengers: Age of Ultron auf der Leinwand zu sehen war und auch zu Lars von Triers Stammbesetzung gehört, überzeugt in der Rolle des Polizisten, wie auch Nicola Walker als Trugbild Stevie gut besetzt ist. Unterstützt werden sie von Adeel Akhtar, der für die Rolle des Verschwörungstheoretikers Wilson Wilson in der Serie Utopia gerade für einen BAFTA-Award nominiert ist.

Abi Morgan, die unter anderem am Drehbuch zum Kinofilm Shame beteiligt war, webt beeindruckend ihre Geschichte zu einem dichten Teppich. Sie breitet im stimmigen Rhythmus Gefühle aus, wo Krimiautoren sonst nur Fährten legen. Einsamkeit, Misstrauen, Zweifel - tieftraurig und spannend zugleich. Warum Menschen so schnell als Verrückte abgestempelt werden, ist dabei nur eine der Fragen, die Morgan aufwirft.

River, Netflix, sechs Folgen.