Süddeutsche Zeitung

Neue Netflix-Serie "Stranger Things":Wie gemacht für Winona Ryder

Die Netflix-Serie "Stranger Things" schwelgt in den Achtzigerjahren und nimmt sich John Carpenter und Stephen King zum Vorbild. Winona Ryder passt da gut hinein.

Der Einblendung einer Jahreszahl gleich zu Beginn hätte es eigentlich nicht bedurft. In "Stranger Things", der neuesten Serie des Streaming Dienstes Netflix, wimmelt es von der ersten Szene an nur so von epochespezifischen Indizien, die darauf hindeuten, wann die acht Episoden umfassende Geschichte spielt: Mütter tragen ihre Haare zumeist wohlgefönt, ihre Kinder fahren BMX-Räder und im Fernsehen läuft "He-Man and the Masters of the Universe", während im Radio "Should I Stay Or Should I Go?" von The Clash gespielt wird.

Anfang der Achtziger Jahre also - 1983, um genau zu sein - verschwindet in der fiktiven Kleinstadt Hawkins im Bundesstaat Indiana der 12-jährige Will (Noah Schnapp) spurlos.

Daraus allerdings, dass es sich hier gerade nicht um eine gewöhnliche Entführungs- oder gar Kindsmord-Serie à la "The Family" oder "Broadchurch" handelt, macht "Stranger Things" ebenfalls von Anfang an keinen Hehl. Denn am Rande des Städtchens betreibt die Regierung ein streng geheimes Forschungslabor, in dem es nicht nur zu Furcht erregenden Experimenten, sondern auch zu einem Ausbruch kommt, den es zu vertuschen gilt.

Der sonst eher unterbeschäftigte Sheriff (David Harbour) ist der erste, der einen Zusammenhang zwischen Wills Verschwinden und den dortigen Machenschaften erkennt. Doch auch die drei besten Freunde des Jungen machen bei der eigenmächtigen Suche nach ihrem Klassenkameraden ungewöhnliche Entdeckungen, während seine verzweifelte und ohnehin latent überforderte Mutter Joyce (Winona Ryder, meist mit Zigarette im Mund) meint, mittels Lichtquellen metaphysischen Kontakt zu ihrem Sohn aufnehmen zu können.

Im Kern geht es um das Übersinnliche

Nebenbei wird auch noch eine weitere Nebenhandlung in Form eines jugendlichen Liebesdreiecks rund um Wills Teenager-Bruders und die hübsche Schwester eines seiner Freunde etabliert, doch letztlich ist die übersinnliche Mystery-Ebene das entscheidende Element dieser Serie, die von den Brüdern Matt und Ross Duffer kreiert und unter anderem von "Nachts im Museum"-Macher Shawn Levy produziert wurde.

Anders als in Serien wie "The Americans", "Halt and Catch Fire" oder natürlich "Mad Men", die allesamt ebenfalls in der jüngeren amerikanischen Vergangenheit spielen, geht es in "Stranger Things" nicht oder zumindest kaum darum, etwas über die Zeit selbst zu erzählen, in der die Handlung angesiedelt ist.

Hommage an die Popkultur der 80er-Jahre

Was die Duffers bei all ihren sorgsam rekonstruierten, nicht immer klischeefreien Achtzigerjahre-Zitaten im Sinn haben, ist vielmehr das Genre selbst und damit eine Hommage an die Popkultur jener Zeit. "Wir wollten eine Geschichte erzählen wie jene, mit denen wir aufgewachsen sind", gaben die Zwillinge bei einem Pressetermin während der Dreharbeiten in Atlanta im März zu Protokoll. "Geschichten mit Monstern, ausgefeilten Figuren, handgemachten Effekten und einer gewissen Unschuld. So wie es uns damals Steven Spielberg oder John Carpenter vorgemacht haben."

Die Sorgfalt, mit der nun "Stranger Things" die Erinnerung an jene Jahre heraufbeschwört, ist atmosphärisch bemerkenswert stimmig. Teils wird großen Vorbildern ganz direkt die Referenz erwiesen, etwa mit Verweisen an das Rollenspiel "Dungeons & Dragons", die Romane von Stephen King, einem Poster von Carpenters "The Thing" oder mit einem "Star Wars"-Raumschiff im Kinderzimmerregal.

Die Detailverliebtheit reicht bis zur Schriftart und Synthie-Musik im Vorspann oder einzelnen, genretypischen Aufnahmen und Kameraeinstellungen. "Die unheimliche Begegnung der dritten Art" und "Poltergeist" lassen dabei ebenso grüßen wie "Stand By Me" oder J.J. Abrams inzwischen auch schon fünf Jahre alte Spielberg-Huldigung "Super 8".

Sogar die Besetzung verweist auf die Achtzigerjahre, in denen nicht nur Winona Ryder (hier in ihrer größten Rolle seit dem zum Karriere-Knick führenden Kaufhaus-Diebstahl), sondern auch dem hier als besessenen Wissenschaftler besetzten Matthew Modine der Durchbruch gelang.

Eine Geschichte für alle Generationen

Es liegt auch an diesem Übermaß an Zitaten, dass sich "Stranger Things" bisweilen zwischen alle Stühle setzt. Für echte Grusel-Fans ist die Serie zu zahm, für Zuschauer im Alter der jungen Protagonisten wiederum zu unheimlich, auch wenn die Duffers betonen: "Mit 12 Jahren will man bekanntlich erst recht all die Sachen sehen, für die man eigentlich knapp zu jung ist." Und für alle, die die Achtziger nicht wenigstens auf VHS-Kassetten und Mix-Tapes mitbekommen haben, geht es womöglich einfach zu nostalgisch zu.

Doch gerade aus diesem angenehm altmodischen Ansatz, eine Geschichte für alle Generationen erzählen zu wollen, ziehen die (übrigens selbst erst 1984 geborenen) Brüder mit ihrem Händchen für junge Schauspieler, gut gesetzte Überraschungsmomente und nicht zuletzt liebevolle Ausstattung einen bemerkenswert hohen Unterhaltungsgewinn.

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