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Neue Konzepte:Geht feiern!

Tarik Tesfu: „Schwarze Menschen, die über dies, das, Ananas reden, das gab es so in einer Late-Night-Show in Deutschland noch nicht – allein bei dem Gedanken daran kriege ich Gänsehaut.“

(Foto: Kristina Kast)

Tarik Tesfu ist Gastgeber der "Trallafitti Show". Er selbst bezeichnet seine Sendung als "politische Party". "Erfolg hat mit Talent in den deutschen Medien nichts zu tun", sagt er - und macht fröhlich weiter.

Von Jacqueline Lang

Was Tarik Tesfu mehr oder weniger offensichtlich von den Harald Schmidts, Jan Böhmermanns und Klaas Heufer-Umlaufs dieser Welt unterscheidet, ist, dass er schwarz ist und queer. Geht es nach Tesfu, dann ist es aber besonders sein Humor, der ihn da unterscheidet. Allerdings produziert Tesfu seine Late-Night-Show Tariks Trallafitti Show ohne Budget in Eigenregie, Late-Night-Shows wie Die Harald Schmidt Show, Neo Magazin Royale und Late Night Berlin liefen und laufen zur besten Sendezeit im Fernsehen. Warum ist das so?

An einem Samstagmorgen Ende Juni sitzt Tarik Tesfu in Khaki-Shorts, Chucks und hochgezogenen weißen Tennissocken in einer Kathedrale in Berlin-Neukölln. Draußen ist es schon heiß, doch im Inneren des Gewölbes ist es angenehm kühl. Tarik hat in der Nacht zuvor nur vier Stunden geschlafen, denn vor drei Tagen hat er in dieser "Kathedrale", wie sich der größte Dancefloor des SchwuZ, Deutschlands ältestem queerem Club, nennt, die dritte Folge der "Trallafitti-Show" aufgezeichnet - gemeinsam mit seinen Gästinnen, der Moderatorin Aminata Belli, der Sängerin Rola und seinem Sidekick, der Schauspielerin Thelma Buabeng. Nun beginnt der Endspurt, denn in wenigen Stunden soll die Show auf ausgestrahlt werden. Zwei Stunden Material müssen auf 45 Minuten heruntergekürzt werden, zu finden ist die Show nun auf der Videoplattform Vimeo oder auf der showeigenen Homepage www.trallafittishow.de.

Für den selbsternannten "Kürze-König" ist Kürzen kein Problem. Tesfu versteht es wie kaum ein anderer, ernste Themen mit viel Sarkasmus auf den Punkt zu bringen. Jeder Witz ein Treffer.

Es fällt auf, wie viel in seiner Sendung trotz der ernsten Themen gescherzt wird

Coronabedingt ist die Show erstmals keine Liveshow vor Publikum; gedreht wurde vor leeren Rängen. Doch nicht nur deshalb sei die Stimmung beim Dreh dieses Mal eine andere gewesen. "Vier schwarze Menschen auf der Bühne in Zeiten von 'Black Lives Matter', in Zeiten von George Floyd, in Zeiten von Horst Seehofer - das ist ein besonderer Moment gerade", sagt Tesfu.

Der Moderator Tesfu selbst bezeichnet seine Late-Night-Show, die erstmals im April 2019 zu sehen war, als eine "politische Party". "Schwarze Menschen, die über dies, das, Ananas reden, das gab es so in einer Late-Night-Show in Deutschland noch nicht - allein bei dem Gedanken daran kriege ich Gänsehaut", sagt der 34-Jährige. Und auch wenn das selbst in seiner Show bislang eine Premiere gewesen ist, so fällt doch auf, dass Tesfu seine Gäste anders auswählt als andere Late-Night-Hosts: Rapperin Sookee, die Moderatorinnen Esra Karakaya und Eva Schulz, sowie Buabeng, die damals noch nicht als Sidekick mit von der Partie gewesen ist, waren in den ersten beiden Folgen zu Gast. Ausschließlich Frauen, davon eine mit Hijab, eine queer, eine schwarz.

"Bevor ich auf die Idee komme, mir da einen heterosexuellen Cis-Dude einzuladen, möchte ich eine Person da haben, die trans oder non-binary ist", sagt Tesfu. Außerdem sitze auf seiner Couch niemand, den er nicht auch mag. Was zunächst nicht sonderlich radikal klingt, ist es mit einem Blick in die deutsche Medienlandschaft sehr wohl.

Das BLIQ-Journal, einem Projekt von "Claim - Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit", das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, hat im Dezember 2019 die Diversität in deutschen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen analysiert und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: "Anne Will, Hart aber fair, Maischberger und Maybrit Illner grenzen große Teile der deutschen Gesellschaft aus." Untersucht wurden 135 Sendungen, in denen insgesamt 728 Gäste zu sehen waren. Es dauerte dennoch ab Beginn der Zählung siebeneinhalb Monate, bis der erste schwarze Gast in einer der Shows zu sehen war. "Alle wollen den unique selling point, und da würde ich sagen, da bringe ich schon ein bisschen was mit - aber dann heißt es wieder, das ist ein bisschen zu viel", sagt Tesfu.

Beim Schauen der dritten Folge von Tariks Show fällt auf, wie viel in seiner Sendung trotz der ernsten Themen gescherzt wird. So werden etwa der "Horst des Monats" und die "Whitney des Monats" gekürt. Spoiler: Es sind Bundesinnenminister Horst Seehofer und Hengameh Yaghoobifarah. Yaghoobifarah hatte Mitte Juni eine satirische Kolumne über die Polizei geschrieben und als neue Arbeitsstelle für Polizisten die Mülldeponie vorgeschlagen. "Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten." Seehofer drohte daraufhin mit einer Anzeige. Außerdem gibt es ein sogenanntes Lip-Sync Battle, bei dem die Gästinnen ein Lied nicht singen, sondern nur so tun, als ob. Aus Kostengründen läuft der Song nicht im Hintergrund mit, sondern bei allen Auftritten ist zunächst die Gema-freie deutsche Nationalhymne zu hören, was man wohl getrost als kleinen Seitenhieb gegen ebenjene weiße Mehrheitsgesellschaft verstehen kann, die meint, entscheiden zu dürfen, wer Teil ihres Deutschlands ist und wer nicht.

Schwarze Menschen bräuchten niemanden, der ihnen eine Bühne gibt

Zu viel Herumgealbere für eine Late-Night-Show, die den Anspruch hat, politisch zu sein? Wer so denkt, verkennt die Lebenswirklichkeit. Er könnte, selbst wenn er es wollte, gar nicht nicht-politisch sein, sagt Tesfu. "Ich bin ein wandelndes Demoschild."

Sich aufgrund seiner Hautfarbe auf einen Rassismusexperten reduzieren lassen will er aber nicht. Kurz nach dem rassistischen Mord an George Floyd schrieb Tesfu deshalb auf Instagram eine Art offenen Brief an die deutschen Medien: "Ich persönlich habe keine Lust mehr bei euch vorbeischauen zu dürfen, wenn die Rassismus-Hütte brennt - und davor und danach ist wieder Ghosting angesagt." Auch sonst bräuchten schwarze Menschen niemanden, der ihnen eine Bühne gibt, die hätten sie sich längst selbst erkämpft. "Ihr müsst nur den Vorhang aufmachen."

Es ist genau dieses Selbstbewusstsein, das die Show auszeichnet: Auch wenn bislang kein großes Medienhaus, kein Streamingdienst das Projekt finanziert, machen Tesfu und sein Team, allesamt Freunde aus der Medienbranche, weiter. Sie alle arbeiten ehrenamtlich, sogar die Betreiber des SchwuZ. Im Gegenzug für Räumlichkeiten und Technik bitten Tarik Tesfu und seine Gästinnen im Laufe der Show mehrmals um Spenden für den derzeit geschlossenen Club, ebenso wie für das feministische Missy Magazin. Es geht ihnen allen um Sichtbarkeit, Solidarität, Empowerment.

Vor fünf Jahren, als Tesfu mit seiner Youtube-Kolumne Tarik's Genderkrise angefangen hat, hat er daran geglaubt, dass es ausreicht, gut zu sein in dem, was man tut. Heute sieht er das anders. "Erfolg hat mit Talent in den deutschen Medien nichts zu tun", sagt Tesfu. Das Talent wolle er Menschen wie Joko und Klaas gar nicht absprechen, sagt er, aber ihr Talent sei eben Ergebnis dessen, "dass man sie hat machen lassen". Menschen wie er bekämen indes häufig gar nicht die Chance, sich zu beweisen. Und wenn doch, dann gebe man Formaten wie dem Karakaya Talk bei Funk nicht die nötige Zeit, sich zu entwickeln.

Auch dazu hat Tesfu eine Vermutung. "Ich glaube, dass im deutschen Mediensystem die Kritik von BPoCs weniger wert ist als die Kritik von rechten Spinnern", sagt er. Wenn Tesfu spricht, benutzt er bewusst Formulierung wie BPoC, kurz für Black and People of Color, als Selbstbezeichnung für sich und andere Menschen, die von der weißen Mehrheitsgesellschaft immer noch häufig aufgrund ihrer Hautfarbe als "anders" und "fremd" gelesen und diskriminiert werden. Sprache ist dem Late-Night-Host wichtig, deshalb ist für ihn auch gendern in der Sendung selbstverständlich. "Ich versuche, meine Sprache nicht diskriminierend zu gestalten", sagt Tesfu. Noch etwas kann man heraushören, wenn man ihm länger zuhört: Er kommt aus dem Ruhrgebiet. Ein "Ruhrpott-Wort" ist auch der Begriff Trallafitti, was in etwa bedeute: feiern gehen.

Das Studium in Wien hat er "selbstbestimmt und ohne Abschluss" beendet

Seit 2016 lebt er in Berlin und hat dort bis vor Kurzem nicht nur seine eigenen Formate entwickelt, sondern auch das inzwischen abgesetzte Funk-Format Jäger und Sammler gehostet, doch nach dem Abitur hat Tesfu zunächst eine Ausbildung zum Erzieher gemacht. Obwohl er das Studium von Publizistik und Gender Studies in Wien danach "selbstbestimmt ohne Abschluss" beendet hat, trug es zu seiner Politisierung bei. Damals habe er verstanden, "alles, was ich erlebt habe, ist Teil eines rassistischen Systems". Außerdem habe ihn die Zeit zum erklärten Feministen gemacht. Bis heute sind seine Idole allesamt Frauen, allen voran Whitney Houston und Beyoncé. Schon in seiner Jugend habe er gemerkt, dass Frauen einen "anderen Struggle" haben, und sich solidarisch gefühlt, so Tesfu.

Dass etwa die schwarze Sängerin Verna Mae Bentley-Krause bei der Show TV Total von Stefan Raab mit ihrem Song "Ich liebe deutsche Land" 2001 auftrat und dort, so sieht es zumindest Tesfu, vor aller Augen der Lächerlichkeit preisgegeben gewesen sei, empfinde er einfach als rassistisch - auch wenn das vielleicht nicht die Intention der Macher gewesen ist und Bentley-Krause ein Video von ihrer Performance von sich aus eingeschickt hatte. Immer wieder hatte Raab das von ihr eingesandte Homevideo daraufhin als kurzen Einspieler verwendet, genauso wie er es davor schon immer wieder mit anderen vermeintlich lustigen Videos gemacht hatte. Die Lacher des Publikums waren ihm jedes Mal gewiss. Tesfu erinnert auch an Nathalie Licard, die eine Zeit lang regelmäßig in der Harald Schmidt Show zu sehen war und der dort die Rolle der Klischee-Französin zukam: Wäre Schmidt eine Frau gewesen, glaubt Tesfu, hätte das Konzept nicht funktioniert. "Wenn wir da nicht jede Person hinsetzen können, dann haben wir ein Problem."

Er selbst will es anders und, ja, besser machen. Wenn alles nach Plan läuft, das nächste Mal im September. Humor, sagt er, ist dabei für ihn das "beste Schutzschild", um öffentlich mit Diskriminierung umzugehen. Seinen Schmerz und seine Wut, die will er der Welt nicht zeigen.

Zum Abschied, als er sich auf sein klappriges Fahrrad schwingt und sich seine schwarze, auffällig geschwungene Vintage-Sonnenbrille auf die Nase schiebt, setzt er deshalb auch wieder sein breitestes Lächeln auf. Ganz so, als wolle er sagen: The show must go on.

© SZ vom 01.08.2020
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