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Neue 3sat-Show:Lesen und lesen lassen

"Wir wollen nicht die Literatur retten", sagt Katrin Bauerfeind. Die von ihren Gästen vorgestellten Texte dienen dazu, diese besser kennenzulernen.

(Foto: 3sat)

Mit ihrer neuen Leseshow bei 3sat verbindet Katrin Bauerfeind wieder Humor und Ernsthaftigkeit - in der Nische. Doch sie traut sich durchaus auch Größeres zu.

Von Hannah Beitzer

Zwischen Immanuel Kant und Mario Barth liegt nur eine Minute. Eben noch liest der Schauspieler Bjarne Mädel einen Kant-Text über "das Frauenzimmer" vor. Dann fragt Moderatorin Katrin Bauerfeind: "Wärst du gerne mal einen Tag eine Frau?" Und Mädel antwortet: "Ich habe immer so Schwierigkeiten mit diesen Geschlechterrollen." Zum Beispiel brauche er länger im Bad als seine Freundin. "Dieses: Kennste, kennste, kennste? Kenn' ich eben nicht!" Mit eben dieser Zeile und Witzen über Männer und Frauen füllt Mario Barth Konzerthallen. Warum? Mädel versteht es nicht.

Der Schauspieler ist zu Gast in der 3sat- Sendung Bauerfeind - die Leseshow, er wird noch Max Frisch vorlesen, außerdem das Haarfarben-Sortiment für Frauen mit dem für Männer vergleichen, mit Bauerfeind die berühmte Balkonszene aus "Romeo und Julia" nachspielen, erst im Original, dann in der Kanak-Sprak-Version einer 16-jährigen Bloggerin: "Isch schwör', isch lieb' disch wie X-Box!" Und zwischendrin reden sie. Über Männer und Frauen, Flirten, das Älterwerden und die Liebe.

Eine Leseshow also, ausgerechnet. Dass Literatursendungen im Fernsehen generell geringe Einschaltquoten haben, passt gut in das angstvolle Lamento, dass die Kulturnation Deutschland das Lesen verlerne und überhaupt vor die Hunde gehe. Weswegen die zahlreichen Literatursendungen, die es trotz niedriger Quote gibt, oft ein bisschen pädagogisch daherkommen: Lesen ist doch so schön! Und muss überhaupt nicht langweilig sein, ehrlich!

"Wir wollen nicht die Literatur retten."

Katrin Bauerfeind weiß natürlich um diese Assoziationen - und wischt sie bei einem Treffen in einem Berliner Café gleich vom Tisch: "Wir wollen nicht die Literatur retten." Ziel ihrer Sendung sei es nicht, den Leuten zu erzählen, welche Bücher sie kaufen sollen. "Texte sind für mich ein Weg, etwas über meine Gäste rauszufinden, das ich noch nicht wusste." Sie mache Unterhaltung, keine Hochkultur. "Wobei ich noch nie verstanden habe, warum ausgerechnet Kultur nicht lustig sein soll." Umgekehrt hält sie auch nichts davon, Zuschauer zu unterfordern. "Ich muss nicht den ganzen Kant gelesen haben, um einen Textausschnitt von ihm zu verstehen", sagt sie.

Kultur, aber witzig, Unterhaltung, aber nicht flach. Das fasst gut zusammen, was Katrin Bauerfeind macht, seit sie 2005 bei Ehrensenf mit dem Moderieren begann. Dort kommentierte sie Nachrichtenschnipsel und Kuriositäten aus dem Netz. "Wir waren die ersten in Deutschland, die versucht haben, eine professionelle Internetsendung zu machen", sagt die 35-Jährige. "Das Internet war damals noch ganz anders als heute. 2005 kannte in Deutschland noch keiner Facebook. Und auf Youtube luden die Leute verwackelte Videos hoch, auf denen Fahrräder umfallen." Bauerfeind wurde berühmt. Wenn auch nicht so berühmt wie heutige Youtube-Stars, die Schminkvideos posten und dafür von kreischenden Teenagern belagert werden.

Klar, sie hätte auch zu RTL gehen können. Doch Bauerfeind will machen, was sie selbst gut findet

Mit all dem hat Bauerfeind wenig gemein. Sie ist so, wie lustige Frauen im Fernsehen oft sind: Selbstbewusst, mit Lust an der theatralischen Show-Geste, an der gezielt gesetzten Pointe. Das könnte künstlich wirken, hätte sie nicht dieses tiefe Kneipenabend-Lachen, mit einem Glucksen am Schluss. Schon zu Ehrensenf-Zeiten konnte sie die Augenbraue fast so schön ironisch hochziehen wie Caren Miosga.

Unter den vielen Zuschauern, die sie in Ehrensenf klug und witzig fanden, waren auch wichtige Leute aus den Fernsehsendern. Harald Schmidt prophezeite ihr, mit ihr werde es "steil nach oben gehen". Und Katrin Bauerfeind ging ins Fernsehen. Sie erzählt, sie habe damals mit vielen Sendern verhandelt. "Jeder hatte seine eigenen Vorstellungen. Nur 3sat sagte: Bei uns kannst du machen, was du willst."

Bauerfeind hat seitdem zahlreiche Shows bei dem Spartensender moderiert, zuletzt zum Beispiel die Sendung Bauerfeind assistiert, in der sie berühmte Menschen einen Tag lang als Assistentin begleitet. Sie hat unter anderem im ZDF die Berlinale-Eröffnung moderiert, für die Öffentlich-Rechtlichen Reportagen gedreht, sie hat zwei Bücher geschrieben, in Fernsehserien und Filmen mitgespielt und seit diesem Jahr ist sie auch noch mit einem eigenen Bühnenprogramm auf Tour.

"Ich würde natürlich total gern eine Show im Hauptprogramm des ZDF machen. Oder in der ARD."

Trotzdem ist sie keines dieser ganz bekannten Fernsehgesichter, das der Zuschauer irgendwann persönlich zu kennen glaubt, weil er es jeden Tag auf irgendeiner Gala, in irgendeiner Sendung, auf irgendeinem Plakat sieht. Klar, sagt Bauerfeind, sie hätte auch zu RTL gehen können. "Das wäre wohl schneller groß geworden. Aber das hätte sich überhaupt nicht richtig angefühlt." Jedenfalls solange sie dort nicht das machen könne, was sie selber gut findet.

Für sie ging das häufiger in der Sparte als im Hauptprogramm. "Aber damit das einmal gesagt ist: Ich würde natürlich total gern eine Show im Hauptprogramm des ZDF machen. Oder in der ARD. Ganz egal." Wieder das Kneipenabend-Lachen. Das ist einerseits selbstironisch, klar - aber gleichzeitig wird schon deutlich, dass sie sich was zutraut. Sie kann einen Raum ausfüllen, um sich im nächsten Moment wieder zurückzunehmen, und das nicht nur im Fernsehstudio. Wenn sie lacht, drehen sich in dem Berliner Café Leute um.

Unbedingt auffallen ist aber auch nicht ihr Ding. Wer Boulevardseiten im Internet nach ihr durchstöbert, findet nur wenige Rote-Teppich-Bilder. Auf der Straße werde sie nur selten erkannt, sagt sie. Bei Wikipedia steht unter Privates ein einziger Satz: "Bauerfeind spielt Saxophon."

Ruhm um jeden Preis sei nicht ihr Ziel, sagt sie. Ihre Jobs haben sich mit der Zeit geändert. Sie moderiert kaum noch Veranstaltungen, denn sie will "lieber meine eigenen Sachen machen als die anderer Leute". Außerdem mache es ihr mehr Spaß, mit Leuten zu reden als Texte in eine Kamera zu sagen. Genau das tut sie jetzt in ihrer Leseshow.

Humor braucht auch Momente der Ernsthaftigkeit, um zu funktionieren

Die Texte dafür wählt sie mit ihrer Redaktion aus, die Gäste wissen vorher nicht, was sie kriegen. Es können Bücher sein, aber auch Whatsapp-Nachrichten. Dabei kommen nicht nur Albernheiten heraus. So liest die Schauspielerin Anneke Kim Sarnau den angeblich schönsten Liebesbrief der Welt vor, den Johnny Cash seiner Frau zum 65. Geburtstag schrieb. "Als ich ihn das erste Mal las, dachte ich: Naja, ganz schön. Aber: der Schönste überhaupt?", sagt Bauerfeind. "Als Anneke ihn in der Show vorgetragen hat, kamen mir fast die Tränen." Denn die Schauspielerin entschied sich, den Brief wirklich zum schönsten Liebesbrief der Welt zu machen.

Und Humor? Der brauche auch Momente der Ernsthaftigkeit, um zu funktionieren, sagt Bauerfeind: "Alles, was immer nur eine Tonlage, eine Farbe, ein Tempo hat, wird irgendwann langweilig." Eine Sendung wie ihre müsse anders sein. Und sie ist es tatsächlich: Die meiste Zeit ironisch - und dann plötzlich emotional. In einem Moment albern - und plötzlich aufrichtig. Und ganz sicher traut diese Show den Texten zu, ein Stück Leben zu erklären. Ganz egal, ob sie von Immanuel Kant stammen oder von einem Hersteller künstlicher Haarfarben.

Bauerfeind - die Leseshow, 3sat, Sonntag, 21 Uhr.

© SZ vom 03.11.2017/khil
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