Süddeutsche Zeitung

Letzte Ausgabe von "Wetten, dass ..?":"Das Karstadt unter den Unterhaltungsshows"

Die letzte "Wetten, dass ..?"-Sendung ruft im Netz viel Häme hervor. Über die Mittelmäßigkeit der Show. Über Lanz und seinen Umgang mit Samuel Koch. Mancher plädiert aber auch für Demut.

Den Abschlusssong singt der Graf von der Band "Unheilig". Der Graf beendet jetzt auch seine Karriere, genau wie Wetten, dass..?, jene Show, die nach fast 34 Jahren an diesem Abend zum letzten Mal ausgestrahlt wird. Der Graf kommt in seinen Liedern immer ein bisschen düster rüber und melancholisch, insofern passt es ganz gut. Der Graf singt, es sei Zeit zu gehen, wenn es am schönsten ist und ohne jetzt übertrieben böse sein zu wollen, muss man sagen, dass Wetten, dass..? diesen Punkt irgendwie verpennt hat. Dass sich die Sendung in den vergangenen Jahren durchgequält hat, dass man zu lange festgehalten hat an einem Konzept, das längst überholt war. Viel Häme ist im Netz zu lesen, an diesem Abend. Über die Mittelmäßigkeit der Show. Über Lanz' schlechte Witze. Über die Abgeschmackheit der ganzen Szenerie.

Jeder lästert über Wetten, dass..?, aber alle gucken Wetten, dass..?. Ein Mechanismus, das seit 34 Jahren weigehend funktioniert. Auch am letzten Abend. Ist es Neugier? Ist es die Lust am Fremdschämen? Ist es, wie bei Tatort, die Sehnsucht nach einer gepflegten Langeweile. Oder ist es, wenn eine Sendung so sehr zum Inventar gehört, auch ein bisschen patriotische Pflicht? So wie man die Spiele der Fußball-Nationalmannschaft guckt, auch wenn man keinerlei Ahnung von und keinerlei Interesse für Abseits und Abwehrkette hat. Wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen. Und der wichtigste Grund ist vielleicht, dass sich in der Twitter-Gemeinschaft so herrlich stänkern lästern lässt.

Vor allem in der ersten Hälfte besteht die Sendung aus Nostalgie, Nostalgie und Nostalgie. Es gibt Einspielfilmchen mit Gottschalk, Elstner, mit historischen Auftritten und historischen Wetten. Der Streit, als Schauspieler Götz George sich von Gottschalk missverstanden fühlte. Und die legendäre Buntstift-Wette, als ein MItarbeiter der Satire-Zeitschrift Titanic sich in die Sendung eingeschlichen hatte. Sarah Connors fleischfarbene Unterhose. Ein Hoch auf die good old days - auch auf Twitter.

In den sozialen Medien wird viel hämisch kommentiert. Aber es gibt auch Lob, für durchaus gute Wetten und gelungene Auftritte. Und die Erkenntnis, dass an einem Tag wie diesem den allwissenden Twitter-Kritikern und Wannabe-Moderatoren ein wenig Demut nicht schlecht anstünde.

Höhepunkt des Abends war ein Auftritt von Samuel Koch, der vor vier Jahren bei Wetten, dass..? verunglückt war. Hätte ein bewegender Moment sein können, aber nach Meinung vieler Zuschauer im Netz hat Lanz die Situation versemmelt.

Lanz würde überziehen, weit über die angedachten zweieinhalb Stunden Sendezeit. Soviel war klar. Doch als dann im ZDF plötzlich eingeblendet wurde: "Das heute-journal beginnt um 23.50 Uhr", da zeigten ein paar Zuschauer via Twitter leichte Unruhesymptome.

Am Ende, nach mehr als dreieinhalb Stunden, galt es, Bilanz zu ziehen. Was bleibt von diesem Fernsehabend und was bleibt von 34 Jahren Wetten,dass..?. "Das Leben geht weiter", sagte Lanz zum Abschied. Und er sagte auch, dass die Sendung "der längste Kindergeburtstag der Welt gewesen sei".

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