Serie "Squid Game" auf Netflix:Was würden Sie tun?

Szene aus der Netflix-Serie "Squid Game"

Sang-woo (Park Hae-soo, v.l.), Gi-hun (Lee Jung-jae) und Sae-byeok (Jung Ho-yeon) kämpfen ums Überleben.

(Foto: Youngkyu Park)

Kinderspiele und Folter: Warum die koreanische Serie "Squid Game" weltweit die Netflix-Charts stürmt.

Von David Pfeifer

Wie ein Hype entsteht? Beispielsweise indem Amazon-Chef Jeff Bezos auf Instagram einen Post über die neue Hit-Serie Squid Game für seine 3,4 Millionen Follower absetzt. Darin preist er Netflix' internationale Strategie, die die "größte neue Show" hervorgebracht habe. Squid Game, erst seit 17. September zu sehen, hat sich in 66 von 83 Ländern, in denen Netflix überhaupt zu sehen ist, an die Nummer eins gesetzt. Das ging in Korea los, wo die Serie entstanden ist, breitete sich von Thailand über Singapur aus, und mittlerweile steht Squid Game auch in Deutschland auf Platz eins. Am vergangenen Freitag reichte ein koreanischer Internet-Provider Klage gegen Netflix ein, weil die Server wegen des großen Erfolges der Serie zusammengebrochen waren.

Wer Squid Game noch nicht kennt oder kein Netflix hat: Es ist eine neunteilige Serie, die zum Spannendsten gehört, was die manchmal als "Golden Age of Streaming" bezeichnete Phase der guten Serien-Erzählungen bislang hervorgebracht hat. Erzählt wird der Verlauf eines klassischen Überlebens-Spiels: Sehr reiche Menschen leisten es sich, anderen, ärmeren Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig in Spielen umbringen. Von "Running Man" bis "Die Tribute von Panem" hat man diese Erzählung schon in diversen Formen gesehen, nie aber in dieser Spannung und Dichte. Das liegt vor allem daran, dass Hwang Dong-hyuk, der gleichzeitig Autor und Regisseur der neun Folgen ist, die Regeln dieser Filme kennt, sie manchmal bricht - aber nie ignoriert. Die Traumrealität, oder in diesem Fall: die Albtraumrealität, bleibt unangetastet, trotzdem wendet sich die Handlung immer wieder unerwartet, vor allem in der zweiten Folge, und man hält schnell jederzeit alles für möglich und bleibt daher in jeder Minute wachsam. Es könnte ja gleich wieder was passieren, meistens etwas Schreckliches.

Allerdings wird auch das Schreckliche hier perfekt choreographiert und in Szene gesetzt. Koreanische Filme von "Old Boy" bis "Snowpiercer" waren bis vor Kurzem noch eher was für Cineasten, was unverständlich ist, denn handwerklich gehören sie seit Langem zu den weltweit besten. Auch in Squid Game stimmt jede Kameraeinstellung, der Schnitt-Rhythmus, die Bild-Inszenierung. Das muss einen im Einzelnen nicht beschäftigen, man kann ja auch einfach nur kucken, aber es macht das Fremde, was die Serie erst mal hat, leicht konsumierbar, und für Film-Liebhaber ist es eine zusätzliche Freude.

Die Hauptfigur und alle anderen Teilnehmer sind in Not und an den Rand der Gesellschaft geraten

Den Teilnehmern des Überlebensspiels wird bald klar, dass man gut fährt, wenn man sich selbst am nächsten bleibt. Allerdings ist es manchmal noch besser, wenn man seine Nächsten freundlich und rücksichtsvoll behandelt. Immerhin muss man später nicht nur mit den anderen Überlebenden weiterleben können, sondern auch mit sich selber. Um die Hauptfigur, den verschuldeten und existenziell verkrachten Seong Gi-Hun, sammeln sich weitere Teilnehmer, alle irgendwie in Not und an den Rand der Gesellschaft geraten, die man hasst oder ins Herz schließt. Und, so viel darf verraten werden: Man muss rasch wieder Abschied nehmen, denn es wird viel gestorben in der Serie. Das Ganze ist durchaus auch als Strapaze anzusehen.

Denn Squid Game schafft es, Zuschauerinnen und Zuschauer nicht nur durch Überraschungen und starke Charaktere bei der Stange zu halten, sondern sie auch einzubinden. Man fragt sich permanent: Was würde ich an deren Stelle tun?

Einer der großen Erzähl-Kniffe der Serie ist, dass die Spiele, die die Teilnehmer überstehen und damit auch überleben müssen, aus der Kinderzeit stammen. Das "Squid Game" ist das im Westen unbekannteste, man kann es sich ein wenig wie eine Mischung aus "Himmel und Hölle" und Völkerball vorstellen. Sonst aber müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr Überleben bei eher simplen Wettbewerben wie Tauziehen oder Murmeln spielen sichern. Die Spiele sind Teil der Infantilisierung der Teilnehmer, sie müssen Mannschaften bilden, was bereits im Schulsport immer auch eine soziale Grausamkeit war ("wähl sie nicht, sonst wird unsere Mannschaft zu schwach"). Und natürlich wird der Mensch des Menschen größter Feind, wenn die Regeln der Zivilisation außer Kraft gesetzt sind. Da wird im Kleinen durchexerziert, ob die Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten, noch einen Wert haben, wenn die notwendige Ordnungskraft fehlt oder sich sogar gegen die alte Ordnung richtet.

Alle müssen auf ins Absurde vergrößerten Schauplätzen ums Überleben kämpfen

Dass die Teilnehmer sich wieder wie Kinder fühlen müssen, und zwar nicht umsorgt und geliebt, sondern hilflos und unmündig, wird verstärkt durch die Architektur des Spieleaufbaus. Nachts werden die Teilnehmer in einem Schlafsaal zusammengesperrt, sie erhalten Anweisungen, die sie nicht hinterfragen können. Das wenige Essen wird ihnen zugeteilt, manchmal ist es nur ein Maiskolben. Das alles in einem Szenenbild, das die Menschen miniaturisiert. Sie müssen auf ins Absurde vergrößerten Spielplätzen ums Überleben kämpfen, eine haushohe, mörderische Puppe gilt es zu überlisten. Das Set-Design und die Film-Musik wirken so, als habe sich jemand mit einer ausgeprägten Liebe zu Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" eine Form der Hölle ausgedacht, in der man ewig klein bleibt und der Donauwalzer spielt, während man durch knallbunte Treppenlabyrinthe steigt. Mehr kann man an dieser Stelle nicht verraten, wie man von der Handlung überhaupt wenig beschreiben kann, ohne die Spannung aus der Sache zu nehmen - die über alle neun Teile nie nachlässt.

Zu den wenigen Nachteilen der Serie gehört, dass sie unbarmherzig brutal ist, nicht wie die Torture-Porn-Orgien von Game of Thrones, eher schon in Richtung Michael Haneke und David Cronenberg. Und dadurch auch ein bisschen deprimierend. Gelacht, und sei es nur für den "Comic relief", wird so gut wie nicht. Der zweite Nachteil: Die Hauptfigur macht es einem zunächst schwer einzusteigen. Er ist ein etwas weinerlicher, alberner Kerl, wie man ihn auch schon aus Parasite kennt, dem letzten globalen Superhit aus Südkorea, mit dem Squid Game nun häufig verglichen wird.

Bei Netflix geht man davon aus, dass Squid Game nicht nur die bisher erfolgreichste nicht-englischsprachige Serie ist, sondern bald das LGBTQ-Historien-Kitsch-Drama Bridgerton als erfolgreichstes Format überhaupt ablösen könnte. Die wenig subtile, aber berührend vermittelte Botschaft der Serie, dass Gier und Moral auf Dauer immer Gegensätze sind, scheint universell Gültigkeit zu haben.

Squid Games, auf Netflix

© SZ/hy
Zur SZ-Startseite
Serien des Monats - "Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror", "Anna", "Szenen einer Ehe" und "Foundation"

Die Serien des Monats September
:Ende gut

Kleine und große Katastrophen: Das Ende aller Männer in "Y: The Last Man", das Ende einer Beziehung in "Szenen einer Ehe" und das Ende der ganzen Galaxie in "Foundation". Die Serien des Monats.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB