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Serie "Pretend it's a City":Ausflug ins New York von gestern

Fran Lebowitz als Fran Lebowitz in "Pretend it's a City". Martin Scorsese führte Regie bei der Serie und unterlegt das Ganze mit nostalgischen Bildern und Musik.

(Foto: NETFLIX)

Fran Lebowitz ist Schriftstellerin und Inbegriff der New Yorkerin. In der Netflix-Serie "Pretend it's a City" erzählt sie über ihre Stadt - verfilmt von Martin Scorsese.

Von Susan Vahabzadeh

Der Inbegriff der New Yorkerin stammt eigentlich aus New Jersey. Fran Lebowitz, 70 Jahre alt, auf aggressive Art schrullig, lebt davon, dass sie die Schrullen ihrer Mitmenschen im Allgemeinen und der Bewohner ihrer Wahlheimat New York im Besonderen beschreibt, präzise und urkomisch.

Diese Menschen auf den Gehsteigen, die auf ihre Smartphones starrend durch die Stadt torkeln: Haben die das Laufen verlernt? Politische Korrektheit: Hat sich im Ernst jemand beim Schulrat darüber beschwert, dass in Edith Whartons großem New-York-Roman "Zeit der Unschuld" steht, die Gräfin Olenska habe ihr gutes Aussehen verloren? Das moderne Sicherheitsbedürfnis: Als ihr als junge Frau ein Apfel und eine Schachtel Zigaretten aus dem Auto geklaut wurden, hatte der Polizist völlig recht, der zu ihr sagte, sie hätte die Sachen halt nicht im Auto lassen sollen, findet sie. Zum politischen Klima in den USA sagte sie vor zwei Jahren: "Ich ziehe nicht nach Kanada. Wenn all das auch eine positive Seite hat, dann dass Donald Trump endlich aus New York verschwunden ist."

Über die Stadt New York, wie sie für sie gewesen ist, und die sie oft in der Gegenwart nicht wiedererkennt, erzählt Fran Lebowitz in der neuen Netflix-Serie Pretend it's a City - tu einfach so, als wär das hier eine Stadt. Das ist der Satz, den sie Touristen und desorientierten Smartphone-Zombies entgegenschleudert, wenn sie ihnen begegnet.

Martin Scorsese führte Regie bei der Serie und steht selbst mit ihr vor der Kamera - oder genau genommen sitzt er dort, in einem altehrwürdigen New Yorker Club. Und Fran Lebowitz erzählt, was sie erlebt und gesehen hat, und manchmal fügt es sich zu einer Zustandsbeschreibung der Welt. Ihr wurde beigebracht, es gehöre sich nicht, über Geld zu reden, sagt sie; und dann vermutet sie, dass die moderne Besessenheit von Geld vielleicht damit zu tun hat, dass die Anstandsregel, darüber zu schweigen, nicht mehr gilt.

Sie hat seit mehr als einem Vierteljahrhundert kein Buch mehr fertiggestellt

Eigentlich ist Fran Lebowitz Schriftstellerin. Die Geschichte, wie sie als Neuankömmling in der Stadt barfuß in einem Verlag auftauchte, voller Hoffnung, man werde ihr ihre Gedichte aus der Hand reißen, kommt auch in Pretend it's a City vor. Sie hat allerdings seit mehr als einem Vierteljahrhundert kein Buch mehr fertiggestellt, das letzte war ein Kinderbuch über Pandas, die als Hunde verkleidet in einem New Yorker Appartement leben. Das Leben in New York ist teuer, also setzt sie seither auf ihre zweite Begabung: Sie kann reden wie ein Wasserfall.

Wenn man sie in der Netflix-Serie nun im Austausch von witzigen Beobachtungen im Stakkato mit Scorsese hört, dann versteht man, warum Talkshows sie so gern einladen. Scorsese, geboren in Flushing, ist wie Lebowitz nebenberuflich New Yorker - seine Filme sind Chroniken der Stadt.

Die Serie war schon geplant, bevor die Corona-Pandemie die Straßen leer fegte - die beiden haben ihr New York aber auch vorher schon vermisst. So sind Fran Lebowitz die neuen Wohntürme der sogenannten "Billionaires' Row" südlich des Central Park ein Dorn im Auge. Weil sie nicht mal Originale sind, erklärt sie - sondern Kopien von Kopien, die in den Emiraten aus Neid auf die Schönheit des Empire State Buildings entstanden sind.

Das klingt nostalgisch, und diese Nostalgie untermauert Scorsese mit Exkursen ins New York von gestern, in Bildern, in der unterlegten Musik. Aber dennoch ist Fran Lebowitz fest davon überzeugt, dass alles immer weitergeht. Einmal sagt sie, die selbst lesbisch ist, zu Scorsese: "Ich hätte nie gedacht, dass es mal Schwulenrechte geben würde. Ich war keine Aktivistin, weil ich nicht zur Selbstaufopferung neige - aber hauptsächlich war ich es nicht, weil ich nicht daran geglaubt habe, dass es funktioniert." Fran Lebowitz ist Pessimistin, aber der Vorteil des Pessimismus ist, dass man öfter mal eine positive Überraschung erlebt.

© SZ/fzg
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