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Netflix-Serie:Schöne kaputte Welt

Verstört und sprachlos: Die Schülerin Maja (Hanna Ardehn) wird als mutmaßliche Mittäterin vor Gericht gestellt.

(Foto: Netflix)

Ein Amoklauf und das Leben danach: "Quicksand" klopft die schwedische Gesellschaft auf ihre Schwachstellen ab.

Wie ein stummer Zeuge blickt die Kamera in der ersten Szene von der Decke eines Klassenzimmers auf ein Szenario des Schreckens. Wir sehen Blutflecken auf blauem Linoleumboden, bewegungslose Körperteile. Eine Männerstimme dringt wie durch Nebel zu uns: "Schieß, verfluchte Scheiße!" Gewehrschüsse, dann Stille.

Die Polizei, die kurz nach dem Amoklauf an einem Elitegymnasium das Zimmer stürmt, findet eine Überlebende: Zwischen den blutigen Körpern kniet Maja Norberg, verstört und sprachlos. Die 18-Jährige steht im Mittelpunkt der sechsteiligen Miniserie, die sich ausgehend von diesem Gewaltexzess entspinnt, den ihr Freund Sebastian ausgelöst hat. Quicksand basiert auf einem Bestseller von Malin Persson Giolito und führt uns tief hinein in Majas schwedische Vorstadtwelt. Sie, schön und klug, reiche Eltern und große Pläne, wird als mutmaßliche Mittäterin vor Gericht gestellt. Wie es dazu kommen konnte, setzt sich für den Zuschauer nach und nach wie ein Puzzle zusammen.

Die blutverschmierten Körper sind dabei mehr als die Opfer eines Attentats: Ein Querschnitt durch die schwedische Gesellschaft. Auf dem Boden liegen zwei blonde Schweden aus reichem Elternhaus, ein Sohn arabischer Migranten, ein Flüchtling aus Afrika und ihr liberaler Lehrer. Kurzum: Eine multikulturelle Versuchsanordnung, die mächtig schiefgelaufen ist. Fast ist es ein wenig zu formelhaft. Andererseits ist das ja neben dem brutalen Realismus oft die große Qualität skandinavischer Krimis: Sie tasten die heile, designschöne Welt im Norden auf gesellschaftliche Schwachstellen ab. Und wenn sie von Attentaten handeln, ist Anders Breivik im kollektiven Gedächtnis nie weit weg. In Quicksand geht es zwar nicht um Rechtsterrorismus, doch werden ökonomische und ethnische Spannungen miterzählt.

Der Streamingriese Netflix hat für seine erste schwedische Originalproduktion einen echten Profi des Nordic Noir verpflichtet: Drehbuchautorin Camilla Ahlgren, die schon mit der Serie Die Brücke ein Händchen für abgründige Thriller-Storys gezeigt hat. Quicksand mag nicht ganz so grausam geraten sein, verstörend ist die Abwärtsspirale von Majas behütetem Teenagerleben allemal.

Erzählt wird in einem Mix aus Psychothriller und Gerichtsdrama

Die Hintergründe der Tat entfalten sich in den Verhören einer jungen Frau zwischen Täter- und Opferrolle. Erzählt wird in einer Mischung aus Psychothriller und Gerichtsdrama - aus der Perspektive der Angeklagten. Hanna Ardehn spielt Maja als dünnhäutiges Wesen, nach außen kontrolliert, innerlich heimgesucht von Erinnerungsfetzen. Denn unter der Oberfläche der superreichen Vorstadt gärt es gewaltig. Ihr Freund Sebastian ist manipulativ und hat ein ausgewachsenes Drogenproblem. Inmitten einer toxischen Liebe, Partyexzessen und Schuldgefühlen verliert Maja immer mehr den Halt. Der Treibsand ergreift sie langsam, aber unerbittlich.

Quicksand, von Freitag an bei Netflix.

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