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Netflix:Der Effekt von Gadsbys Offenbarungen ist befremdlich

Sie tut es, indem sie ihre eigenen Punchlines dekonstruiert. Die Geschichte von dem Schlägertypen zum Beispiel, der sie zunächst für einen Mann gehalten hatte, ging in Wahrheit noch weiter. Als der Typ nämlich merkte, dass sein Gegenüber lesbisch war, änderte er seine Meinung. Lesben könne man im Gegensatz zu heterosexuellen Frauen durchaus verprügeln, fand er. Also tat er es. Niemand kam ihr zu Hilfe und sie selbst traute sich damals im homophoben Tasmanien noch nicht einmal, den Täter anzuzeigen. Aber weil sich dieses Ende der Geschichte schwerlich für eine Pointe eignete, verschwieg Gadsby es bisher in ihren Stand-Up Shows. Genau wie die Tatsache, dass sie als Kind missbraucht und als junge Frau vergewaltigt wurde.

Der Effekt dieser Offenbarungen ist befremdlich. Man ist betroffen, natürlich. Aber schnell stellt sich auch ein Unwohlsein ein. Eben war diese Frau doch noch so souverän, jetzt steht sie mit feuchten Augen auf der Bühne, ihre Stimme bricht wiederholt vor Wut, sie wirkt verletzlich. Im allgemeinen Humor-Verständnis gilt die Regel, dass eine Person, die über eine erlittene Erniedrigung Witze reißt, sich über eben jene Erniedrigung erhebt. Gadsby stellt diesen Mechanismus in Frage. Sie sagt: Es mag für das Publikum so wirken, als hätte die Person mit dem Witz ihr Trauma überwunden, aber für die Person selbst fühlt es sich anders an. Gadsby konkretisiert hier also genau das, was sie zuvor theoretisiert hat. Sie gibt den Schmerz, den ihre Traumata in ihr ausgelöst haben, an das Publikum weiter - und lässt ihn dort.

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Nun könnte man einwenden, Gadsbys Fall sei ein sehr spezieller. Sie hat sich als Komikerin der selbsterniedrigenden Comedy verschrieben und diese Form nun eben so aufgebrochen, dass sie zu ihrer Lebensgeschichte passt. Schön für sie, könnte man denken und die Sache abhaken. Doch so einfach lässt Gadsby ihre Zuschauer nicht davonkommen. Für Gadsby steht das eigene Schicksal stellvertretend für ein grundsätzliches Comedy-Versagen. Komiker erheben gemeinhin den Anspruch, dass sie gesellschaftliche Themen kritisch angehen, die Mächtigen ärgern und den Ohnmächtigen eine Stimme geben. Von wegen, findet Gadsby und illustriert das an den Themen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch.

Die Comedy scheitert laut Gadsby nicht nur, weil es ihr - wie vorgeführt - an den passenden narrativen Formen fehlt. Sie versagt ihrer Meinung nach auch deswegen, weil es noch immer mehrheitlich Männer sind, die öffentlich Witze erzählen. Diese Männer definieren, was erzählt wird und was nicht. Und sie haben Gadsby zufolge lange essentielle Dinge übersehen. So kam es etwa, dass sich US-Komiker im Zuge des Clinton-Lewinsky-Skandals auf die scheinbar naive Praktikantin als Objekt ihres Spottes konzentrierten. "Hätten Comedians ihren Job anständig gemacht", donnert Gadsby ins Mikrofon, "und über den Mann gescherzt, der seine Macht missbrauchte, dann hätten wir jetzt vielleicht eine Frau mit einem gewissen Maß an Erfahrung im Weißen Haus sitzen - anstatt eines Mannes, der öffentlich zugegeben hat, Frauen sexuell zu belästigen".

Man muss nicht mit allem, was Gadsby sagt, übereinstimmen, um ihre Show bemerkenswert zu finden. Natürlich ist ihre Comedy-Kritik polemisch. Auch vor Gadsby gab es Komiker und Komikerinnen, die die starre Zweier-Struktur von Witzen unterlaufen und ihr Publikum irritiert haben. Der einstige Comedy-Outcast Lenny Bruce etwa, der in sein Programm eine tieftraurige Nummer über die Einsamkeit einbaute. Oder die derzeit ebenfalls gefeierte Tig Notaro, die nach ihrer Brustkrebserkrankung eine Show mit nacktem Oberkörper spielte und die dafür bekannt ist, eine Pointe so lange hinauszuzögern, bis man vergisst, dass man überhaupt auf sie gewartet hat.

Gadsby verschiebt mit "Nanette" nun ganz einfach die Grenze dessen, was Comedy sein kann, etwas weiter an die Ränder der Vorstellungskraft. Genau das passiert, wenn nicht mehr eine homogene Gruppe auf den Show-Bühnen steht: Man bekommt andere Themen präsentiert, andere Perspektiven und damit notwendigerweise andere Arten, sie zu behandeln. Und so hätte Gadsby der Comedy-Welt keinen besseren Dienst erweisen können als mit dieser Comedy-Abrechnung, die ihr Publikum nicht zum Lachen sondern zum Schweigen bringt.

"Nanette" von Hannah Gadsby ist abrufbar bei Netflix.

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