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Netflix-Kuppelshow:Blindverkostung

Naiv und lustvoll auf der Suche nach einem Menschen fürs Leben: Warum die Streamingserie "Liebe macht blind" so viel besser als andere Dating-Shows ist.

Von Charlotte Haunhorst

Man muss gleich am Anfang einmal klarstellen: Natürlich ist die neue US-Netflix-Realityserie Love is blind (in Deutschland: Liebe macht blind) eine klassische Kuppelshow. Auch wenn sie das Gegenteil von sich behauptet. Die Prämisse: 30 Singles werden mehrere Tage lang in sogenannten "Pods", also separaten Kabinen, zu einer Art Blind-Speed-Dating zusammengepfercht. Wenn zwei von ihnen sich auf Basis der Gespräche ineinander verlieben, müssen sie sich direkt verloben, erst dann dürfen sie sich sehen. Nach 30 Tagen gibt es dann im Idealfall eine Hochzeit, bei der dramatisch gefragt wird: "Macht Liebe wirklich blind?" und das Paar "Ja" hauchen soll. Die Netflix-Kameras sind stets dabei.

Liebe macht blind

Erst wenn zwei sich gut verstehen, dürfen sie sich in die Augen schauen.

(Foto: Netflix)

Dass bei dieser Sendung natürlich nicht nur die "inneren Werte" zählen, merkt man erstens daran, dass alle Teilnehmerinnen die ganze Zeit bauchnabelfrei oder im tief dekolletierten Abendkleid auftreten, auch wenn ihr Date sie gar nicht sehen kann. Zweitens gibt es ein gut aussehendes C-Promi-Moderatorenpaar (Nick Lachey und seine Ehefrau Vanessa), das keiner braucht, das aber ab und zu etwas über Liebe faselt. Drittens sind die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Beruf "Health Coach", "Fitness-Coach" oder "Content Creator". Alle sind schlank, heterosexuell, ohne sichtbare Behinderung. Stellt sich die Frage: Warum sind die Menschen so wild auf diese Show? Warum wurde sie im Netz so heiß diskutiert? Warum war sie Ende Februar laut Netflix das meistgesehene Format auf der Streaming-Plattform in den USA? Eine Sendung, die, freundlich formuliert, eine Mischung aus Herzblatt und sämtlichen Bachelor- und Bachelorette-Formaten ist?

Natürlich hat das auch mit Voyeurismus zu tun. Wenn eine Protagonistin beim Blind Date einen zehn Jahre jüngeren Mann wählt, schaut man sich das nur an, um sich am Leid fremder Menschen zu erfreuen. Tatsächlich schafft Love is blind es aber auch, Themen auf den Bildschirm zu bringen, die man von Reality-Dating-Formaten so nicht kennt. Da gibt es das Paar Cameron und Lauren. Cameron ist weiß, Lauren eine Woman of Color - was beide nach eigenen Angaben nicht ahnten, als sie sich beim Blind Date ineinander verliebten. Aber auch Schulden, Abtreibung, Obdachlosigkeit, Orgasmusprobleme und Bisexualität werden thematisiert. Manchmal wünscht man sich, dass die Protagonisten von Netflix psychologisch betreut werden. Oft ist es aber auch erschreckend nah dran an den eigenen Fragen zur Liebe. Natürlich können diese Fragen nicht abschließend durch ein Reality-Experiment mit gut aussehenden Singles zwischen 25 und 35 beantwortet werden. Aber einen Cast zusammenzustellen, der sich derart naiv und lustvoll auf die Suche nach dem Menschen fürs Leben macht, dass es sich oft sehr echt anfühlt, ist eine Leistung.

Liebe macht blind, Netflix.

© SZ vom 03.03.2020
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