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Katla" auf Netflix:Besucher aus Asche und Schlamm

Maske tragen, aber nicht wegen Corona, sondern wegen einer anderen Umweltkatastrophe, dem Ausbruch des Vulkans Katla: Guðrún Eyfjörð spielt Grima, die von einer Doppelgängerin heimgesucht wird.

(Foto: Lilja Jonsdottir/Netflix)

In der ersten isländischen Netflix-Produktion, der Science-Fiction-Serie "Katla", wird ein Dorf nach einem Vulkanausbruch von mythischen Gestalten heimgesucht.

Von Nicolas Freund

Gletscher haben ein langes Gedächtnis: Auf Island lassen sich in den Schichten des Eises noch heute die Spuren von Vulkanausbrüchen finden, die Hunderte von Jahren in der Vergangenheit liegen. Der Klimawandel, der die Gletscher teilweise um Dutzende Meter im Jahr zurückgehen lässt, löscht nicht nur das vermeintlich ewige Eis, sondern auch dieses Gedächtnis mit aus. 2019 erschien das Buch "Wasser und Zeit" des Autors Andri Snær Magnason über die Veränderungen Islands und der Welt in nur wenigen Generationen. Es wurde ein internationaler Bestseller und viel diskutiert, denn, so die Idee Magnasons, das Island, in dem seine Enkel leben werden, könnte ein ganz anderes sein, als das, in dem seine Großmutter geboren wurde.

Nur eine Handvoll Bewohner harrt in dem von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf aus, aber wer sind die neuen Gäste?

Die erste isländische Netflix-Produktion wirkt nun wie ein finsterer Kommentar zu dieser Debatte über Umweltkatastrophen, Generationenwechsel und den politischen Umgang damit. In der Science-Fiction-Serie Katla bricht der gleichnamige Vulkan im Süden Islands aus, das Städtchen Vík an seinem Fuß wird unter einer dicken Ascheschicht begraben und ein Fluss aus Gletscherschmelzwasser hat die ganze Region von der Hauptstadt Reykjavík abgeschnitten. In dem eingeaschten Ort harrt nur noch eine Handvoll Bewohner aus, darunter ein Polizist, eine Ärztin und ein Vulkanforscher. Lange bleiben sie aber nicht alleine: Erst eine einzelne Frau, dann immer mehr Menschen, bedeckt mit einer Schicht aus Asche und Schlamm, kommen herunter von dem Vulkan und dem Gletscher. Manche der Gäste sind längst Verstorbene, andere Doppelgänger von Menschen aus der Gegend. Was ist da los? Die alte abergläubische Hotelbetreiberin meint, es handele sich bei den Besuchern um Gestaltwandler, Mitglieder des verborgenen Volkes aus der altnordischen Mythologie. Aber warum wissen diese Neuankömmlinge nichts über ihre eigene Herkunft und sind ansonsten aber völlig identisch mit Menschen, die es gibt oder schon einmal gab?

Sind gerade dabei zu verschwinden: die Gletscher Islands. In "Katla" machen sie mit Wiederkehrenden und Doppelgängern auf sich aufmerksam.

(Foto: Lilja Jónsdóttir/Netflix)

Die isländische Mythologie kennt tatsächlich solche Gestalten, sie werden Fylgia genannt, was etwa mit "Folgewesen" übersetzt werden kann. Eigentlich tauchen sie in Träumen auf, treten sie real in Erscheinung, sind sie meist Vorboten des Todes, können aber auch Beschützer sein. Die Serie spielt sehr geschickt mit solchen Symbolen aus der nordischen Mythologie, lässt sie aber nicht zum Selbstzweck werden. Denn mehr noch als an altnordische Überlieferungen erinnert Katla an die französische Serie Les Revenants von 2012, in der ebenfalls die Verstorbenen wiederkehrten, als wäre nichts geschehen.

Gemeinsam ist den beiden Serien, dass dem sanften Grusel und dem Thema der Trauer implizit etwas Politisches beigemischt ist. Die unheimlichen Wiederkehrer fordern die Menschen heraus und zwingen sie zur Auseinandersetzung mit Tod und Verlust, mit der eigenen Herkunft und ihrer Identität, vor allem aber mit der Verantwortung für Vergangenheit und Zukunft, für Gesellschaft und Umwelt. Kurz: Für die Welt, in der sie leben möchten. Langsam, als würde ein Gletscher abschmelzen, legt Katla in einer kleinen Welt die großen Fragen der Gegenwart frei.

Katla, auf Netflix

© SZ/sus
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