Netflix-Film "Tallulah" Ellen Page als Kindsräuberin

"So lebe ich eben": Lu (Ellen Page) vagabundiert eher ziellos durch die Welt und hält sich im Zweifel trotzdem für die bessere Mutter.

(Foto: Route One Entertainment)

In "Juno" spielte Page eine Teenagerin, die aus Versehen schwanger wird. Im Netflix-Film "Tallulah" will sie ein Baby vor seiner Rabenmutter retten - und entführt es.

Filmkritik von Karoline Meta Beisel

Das kommt schon vor, in der U-Bahn, im Supermarkt oder im Wartezimmer: Man sieht eine brüllende Mutter mit einem lauter brüllenden Baby und denkt, das könnte man selbst alles besser, das arme Kind, die arme Mutter. In der echten Welt bleibt es bei dem Gedanken, Kinder werden eher selten aus reiner Nächstenliebe entführt, damit es allen Beteiligten besser geht. Mal davon abgesehen, dass man es in den allermeisten Fällen vermutlich ja doch nicht besser könnte.

Bei der jungen Lu kommt noch das Problem hinzu, dass ein Baby mit ihrem Lebensstil nicht vereinbar wäre: Seit Jahren reist sie planlos durchs Land, lebt von dem, was sie mit gestohlenen Kreditkarten bezahlen kann, und schläft nachts in ihrem rumpeligem Minibus. "So lebe ich eben", sagt sie zu ihrem Freund, als der keine Lust mehr hat auf das Vagabundendasein. "Geh doch, wenn dir das nicht passt." Am nächsten Morgen ist er weg - ganz so frei wollte Lu dann doch nicht sein.

Warum Lu in dem Film Tallulah, der von Freitag an auf Netflix zu sehen ist, dann gleich zur Entführerin wird, ist zu Beginn schwer nachzuvollziehen. In einem Hotel wird sie von einer betrunkenen Mutter für ein Zimmermädchen gehalten. Lu soll babysitten, während die Mutter loszieht, mit einer Affäre ihr Ego zu polieren: "Mein Mann sieht mich nicht mehr so an wie früher, meine Brüste sind wie zwei ausgetrocknete Teebeutel."

Als Mutter, das ist die Botschaft, kann man sehr viel falsch machen

Erst passt Lu tatsächlich auf das Kind auf und lässt derweil noch ein paar Scheine und Klunker mitgehen. Aber als die Frau nachts noch viel betrunkener zurückkehrt und sich immer noch nicht für ihre Tochter interessiert, beschließt Lu kurzerhand, das Baby einfach mitzunehmen, wie ein misshandeltes Haustier.

Wie es ist, überraschend Mutter zu werden, hat Ellen Page schon einmal gespielt, nur hatte sie 2007 als unverhoffte Teenie-Mom in Juno neun Monate Zeit, sich darauf vorzubereiten. Das Erstaunliche an Tallulah ist, dass sie dem Zuschauer auch hier, als letztlich doch egoistische Entführerin, sympathisch bleibt. Überhaupt hat die Autorin und Regisseurin Sian Heder, die sonst Drehbücher für die Knastserie Orange Is The New Black schreibt, ein Händchen dafür, das Liebenswerte aus ihrem Ensemble aus zunächst unsympathischen Müttern beziehungsweise Aushilfsmüttern herauszuholen.

Die famose Allison Janney (The West Wing) war schon in Juno mit Ellen Page zu sehen, und die Szenen, in denen beide gemeinsam spielen - Page als der Freigeist, der auf Konventionen pfeift, Janney ein Opfer ihrer eigenen Erwartungen -, sind die schönsten im ganzen Film. Janney spielt die verbitterte Mutter von Lus Freund, die es ihrem Mann auch nach Jahren nicht verzeihen kann, dass er die Familie verlassen hat, für einen Mann obendrein. Dass sie ihren Sohn seit zwei Jahren nicht gesehen hat, scheint sie daneben weniger zu kümmern. Als aber Lu ihr das gestohlene Kind als ihre Enkelin vorstellt, hört sie auf, um sich selbst zu kreisen, und selbst die betrunkene Rabenmutter aus dem Hotel merkt irgendwann, dass ihr Kind ihr eigentlich doch wichtiger ist, als vor ihrem Mann den Seitensprung zu verheimlichen.

Tallulah ist ein hübscher Film über das Muttersein, darüber, wie viel man in den Augen anderer falsch machen kann - und dass man am Ende vor allem vor sich selbst bestehen muss.

Tallulah, von Freitag an abrufbar bei Netflix.

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