"The Billion Dollar Code" auf Netflix:Unter Hochspannung

The Billion Dollar Code

Für Carsten (Leonard Schleicher, l.) und Juri (Marius Ahrendt) ist der schwedische Programmierer Brian Anderson (M.) wie ein Superheld.

(Foto: Netflix)

Die Serie "The Billion Dollar Code" bei Netflix erzählt, wie Google die visionäre Idee Berliner Hinterhof-Hacker geklaut hat. Aber wie war das eigentlich noch mal wirklich?

Von Andrian Kreye

Was für eine großartige Geschichte. Da steckt der Atem des antiken Dramas drin, die Hochspannung der digitalen Gegenwart und das auch noch im wunderbar dauerverkaterten Milieu der Berliner Subkulturen vom Ende des 20. Jahrhunderts. Ein Künstler und ein Hacker entwickeln im Untergrund der Technoclubs, Kunstakademien und des Chaos Computer Clubs einen der Algorithmen, die heute noch den Alltag der Welt bestimmen. Google klaut ihn, und es gibt einen Prozess. Die Miniserie The Billion Dollar Code handelt davon. Und wenn man sich diese Geschichte von Axel Schmidt erzählen lässt, einem der beiden echten Menschen, aus denen das Drehbuch die Hauptrolle des Hackers Juri (gespielt von Marius Ahrendt) macht, kann man sich nur wundern, wie entspannt der Mann dabei bleibt.

Immerhin ist er der Erfinder des "Quadtrees". Das ist eine sogenannte Baumstruktur, mit der man in der Informatik Rechenprozesse sortieren kann, deren genaue Funktion das Laienverständnis eines Journalisten und den Lesefluss eines Zeitungsartikels überstrapazieren würde. Die Fachzeitschrift für Programmierer Dr. Dobb's Journal nannte diese Struktur jedenfalls mal den "Algorithmus um Raum und Zeit zu verdichten", was annähernd historisch klingt. Bei der Entwicklung des Terra-Vision-Programms, von der The Billion Dollar Code erzählt, ist das die Lösung, um den Rechner dazu zu bringen, störungsfrei zu simulieren, dass der Nutzer aus dem All auf einen Globus aus gespeicherten Satellitenkarten bis sehr nah an einzelne Gebäude fliegt. Wer nun seufzt, das sei doch sehr banal, das könne doch jedes Handy, der hat den Punkt schon getroffen.

Mit Telekom-Hilfe wurde aus einem Kunstprojekt Software, die heute in jedem Navi steckt

Diese Quadtrees seien heute die Grundlage für alle GPS-basierten Programme, für Navis, für geobasierte Shoppingseiten und vor allem natürlich für Google Earth, sagt Axel Schmidt. Man hört ihm die Herkunft aus den Berliner Jahren immer noch in der Sprachmelodie an. Er trägt auch stilecht so einen Programmierer-Pferdeschwanz. Die Geschichte des Ideenklaus ist dann so dreist wie exemplarisch. Mit Geld aus den Investitionstöpfen, die die Deutsche Telekom in der Nachwendezeit in Berlin investierte, verwandeln der Künstler Carsten (Leonard Schleicher) und der Hacker Juri ein Kunstprojekt in eine funktionierende Software. "Terra Vision" heißt sie. Mit Hilfe eines Globus' als Steuerungsgerät kann man all die Funktionen ausführen, die heute so selbstverständlich sind und damals eine Sensation waren. Dafür gründen sie ihre Firma Art+Com, die es in Berlin heute noch gibt.

Weil Terra Vision damals nur auf den Hochleistungsrechnern von Silicon Graphics lief, die vor allem Spezialeffekte für Hollywood produzierten, landete das Terra-Vision-Team dann auch bald im Silicon Valley. In der Serie könnte der Gegensatz zwischen den düsteren Berliner Büroetagen und Technoclubs und dem lichtdurchfluteten kalifornischen Campus und einem psychedelischen Festival in der Wüste nicht größer sein. Carsten und Juri treffen den Programmierer Brian Anderson, der für sie wie ein Superheld ist und der im wirklichen Leben, so Schmidt, Michael T. Jones hieß. Der lässt sich von Juri die Grundzüge des Programms erklären. "Genau so was wollten meine Chefs immer von mir", sagt er mit neidvoller Bewunderung. Als Spitzeninformatiker muss er dann gar nicht den Code sehen, um das nachzubauen. Er gründet erst eine eigene Firma, dann wirbt ihn Google an. Das war auch im echten Leben so.

Die wenigsten Startups können sich Prozesse gegen die Tech-Giganten leisten

Der Verrat des vermeintlichen Freundes in Kalifornien führt dann auch zum Zwist zwischen Juri und Carsten (ebenfalls eine Mischfigur aus den Künstlern Joachim Sauter und Gerd Grüneis). Die Geschichte ist auch dann noch spannend genug, wenn man das Ende schon kennt, weil sich die Serie ansonsten weitgehend an die historischen Fakten hält. Art + Com verliert den Prozess. Exemplarisch ist die Geschichte auch deshalb, weil die Konzerne aus dem Silicon Valley, egal ob Google, Facebook oder Apple, schon lange so vorgehen. Gute Ideen werden entweder gekauft, geklaut oder kaputtgeklagt. Die wenigsten Startups können sich die sieben- bis achtstelligen Summen leisten, die solche Patent- und Urheberrechtsprozesse kosten. Wenn sie dann doch in den juristischen Ring treten, gewinnen sie selten. Der Computerwissenschaftler David Gelernter von der Yale University verklagte vor elf Jahren den Apple-Konzern, weil der seine Ideen in Anwendungen wie Spotlight, Cover Flow und Time Machine umsetzte. 625 Millionen Dollar sprach ihm ein Gericht zu. Das wurde in der Berufung wegen Verfahrensfehlern zwar deutlich weniger. Aber die Zahl macht deutlich, was solche Ideen wert sind, selbst wenn nicht gleich der ganze Algorithmus geklaut wird.

Vier Folgen hat die Serie. Sie leidet ein wenig unter handwerklichen Mängeln. Timing und Rhythmus sind etwas hölzern. Die Schauspieler spielen so bemüht, als müssten sie einen Theatersaal von ihren Figuren überzeugen. Die Details wirken teils arg konstruiert. Vor allem in den ersten beiden Folgen tragen die Figuren Retrofrisuren, die aussehen wie Perücken aus dem Faschingsladen. Die Geschichte trägt die vier Folgen aber auch alleine. Gerade weil die Kluft der Machtverhältnisse so deutlich wird, die in einer Zeit, in der sich die Digitalkonzerne Facebook, Apple und Google immer öfter vor Gericht oder vor parlamentarischen Untersuchungsausschüssen finden, immer mehr wächst.

Axel Schmidt erkannte damals in Google Earth ganz deutlich seine Arbeit und seine Handschrift. Er und sein Team entwickelten damals eine Methode, wenigstens Teile des Quellcodes von Google Earth einsehen zu können. Da fanden sich ganze Versatzstücke aus dem Quellcode von Terra Vision.

Sorgen muss man sich um die Pioniere von damals aber nicht machen. Axel Schmidt zum Beispiel blieb immer in der digitalen Kartografie tätig. 2000 startete er das Unternehmen Gate 5, das sechs Jahre später für eine unbekannte Summe von Nokia gekauft wurde. Danach baute er die Firma Here Technologies mit auf, die einem Konsortium aus Audi, BMW und Daimler gehört und 30 Büros auf drei Kontinenten unterhält. Sauter und Grüneis führten unterdessen Art + Com weiter, heute eines der weltweit führenden Designbüros für Installationen und Kunstprojekte. Ihre Arbeiten sind vom Futurium in Berlin über die BMW-Welt bis zum Flughafen in Singapur und der Dubai Mall zu sehen. Das Leben habe es schon gut mit ihm gemeint, sagt Axel Schmidt. Nur Google nicht.

The Billion Dollar Code, auf Netflix.

© SZ/jhl
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