bedeckt München
vgwortpixel

Netflix-Dreiteiler:Schwere Wollpullover

Die deutsche Netflix-Weihnachtsproduktion "Zeit der Geheimnisse" überschreitet dank Landhausdeko die Grenze zum Wohlfühlkitsch.

Geheimnisse im Mehrgenerationenhaus: Svenja Jung als Vivi.

(Foto: Nik Konietzny/Netflix)

Eigentlich ist Zeit der Geheimnisse keine Serie, sondern ein sehr langer Weihnachtsfilm. Würden die drei Teile in der ARD oder im ZDF laufen und nicht bei Netflix, dann kämen sie vermutlich an drei aufeinanderfolgenden Tagen in der Weihnachtszeit um 20.15 Uhr und hätten sicher eine Spitzenquote. Denn eines treffen Autorin Katharina Eyssen und Regisseurin Samira Radsi gekonnt und trocken: Die speziell weihnachtliche Gefühlsmischung aus großer, sentimentaler Sehnsucht nach der Familie und realem Scheitern an dieser Sehnsucht. Süffig wird das Ganze, weil es eine dramatische Familiensaga bietet. Und außergewöhnlich, weil es ausschließlich um die Frauen dieser Familie geht, über vier Generationen diese rasende Liebe und tief verletzende Abstoßung zwischen Mutter und Tochter, man kennt das, aber es wird viel zu selten erzählt.

Eva (Corinna Harfouch) ist mit ihrer Mutter Alma (Barbara Nusse) in einem Kriegswinter und ohne Vater in das reetgedeckte Haus in den Dünen gekommen, das praktisch alleiniger Schauplatz des Films ist. Eva hat eine Tochter bekommen, Sonja, und einen Sohn, für dessen Tod ihr Ehemann ihr die Schuld gibt. Sonja (Christiane Paul) wiederum hat ihre eigenen, vaterlos aufgewachsenen Töchter Vivi und Lara bei Eva gelassen und das unstete, exaltierte Leben geführt, das Vivi (Svenja Jung) zu einer wackligen Persönlichkeit und Lara (Leonie Benesch) zum Pragmatik-Tier hat werden lassen. Die entscheidenden Dinge in diesem Frauenhaus haben sich stets bei Weihnachtsfesten zugetragen. Was zwar ziemlich unwahrscheinlich ist, aber dramaturgisch gut, weil es Rückblenden erlaubt, die atmosphärisch im gleichen Setting bleiben - beim Vorbereiten des Festessens in dekorativ abgewohnten, heimeligen Zimmern, ein Versprechen auf die Wärmestube Familie. Nur reißt Eva aus einer inneren Notwendigkeit heraus immer die Fenster auf, und alle müssen dicke Wollpullover tragen.

In Sachen Schwerstrick und Landhaus-Deko wirkt Zeit der Geheimnisse wie aus der Bilderwelt verschiedener Frauenzeitschriften komponiert und überschreitet mehrmals die Grenze zum Ausstattungs- und Wohfühlkitsch. Einige Wendungen, vor allem aus dem Ehe- und Beziehungsleben, kommen arg plötzlich als eine von verwirrend vielen Rückblenden daher - gelegentlich wie im Boulevardtheater. Aber die Komik trägt schwarz. Mutterwitz hat nur die Haushälterin (Anita Vulesica).

Corinna Harfouch gibt der Matriarchin Eva eine federleichte und zugleich tiefdunkle Grundierung. Was hier verhandelt und fein gespielt wird, das sind Dramen aus mehr als einem Leben, die in den Töchtern weiterwirken. Männer kommen auch vor. Aber Halt bieten sie nicht. Den gibt es nur, so paradox das ist, zwischen Müttern und Töchtern. Eine Fortsetzung dürfte es nach der Logik der Dinge erst Weihnachten 2020 geben.

Zeit der Geheimnisse, drei Teile, bei Netflix.