Netflix-Dokuserie Gestalter-Gestalten

Der Illustrator Christoph Niemann beim Dreh von "Design als Kunst".

(Foto: Kase Film/Netflix)

Mit "Abstrakt" würdigt der Streamingdienst "Design als Kunst". Eine Serie über Formgeber passt wunderbar in die überkuratierte Gegenwart der Kernzielgruppe.

Von Max Scharnigg

Nein, Christoph Niemann möchte nicht vor der Kamera die Zähne putzen. Das Ansinnen des Regisseurs kommt dem Berliner Illustrator so abstrus vor, dass er sich den halben Film lang nicht mehr davon erholt. Verstört sucht er nach höflichen Worten der Weigerung, schließlich findet er sie: Es wäre sicherlich das Allerletzte, was den Zuschauer interessieren würde, wie es in seinem Bad aussieht. Sehr gern könnte er all das aber zeichnen.

Die erste Folge der neuen Netflix-Dokuserie Abstrakt - Untertitel: "Design als Kunst" - ist ein Glücksfall. Mit Niemann hat sie den perfekten Künstlerprotagonisten, irgendwo zwischen superurban und neurotisch, vor allem aber genauso liebenswert wie seine Bilder. Wenn er durch Berlin und New York spaziert und dabei hinter seiner Schildpattbrille Eindrücke sortiert, die er später mit ein paar Strichen oder Legosteinen umsetzt, ist das berauschend unterhaltsam. Der Jubel, der die neue Netflix-Produktion begleitet, scheint also ziemlich berechtigt, wobei er auch nicht überraschend ist: Eine Serie über Designer und Formgeber passt wunderbar in die überkuratierte Gegenwart der Netflix-Kernzielgruppe, mutmaßlich Menschen, deren Feeds ohnehin vor Alltagsästhetik überquellen. Diesem Trend nun Helden zu schenken, die stillen Kreativen ins Licht zu holen, das zeugt vom Instinkt der Verantwortlichen bei Netflix. Schon bei der Arte-Fashiondoku Vor der Show und der Gourmet-Dokuserie Chef's Table von Netflix ist das Konzept gut aufgegangen: viel Budget, viel Zeit, viele Kameras und keine Angst, zu tief in eine Nische hineinzuleuchten.

Nun sind Designer, anders als Spitzenköche und Modeschöpfer, oft nicht besonders sinnlich unterwegs. Tisch und Apple-Display, Studios, Interieurs und Fotografien - schwer, da Leben reinzubringen. Das erweist sich als kleine Achillesferse von Abstrakt. Denn so aufwendig wie in der Pilotfolge mit Niemann, die dank Tricktechnik selbst wie ein Werk des besuchten Künstlers wirkt, lässt sich nicht mit jedem Protagonisten spielen. Der Besuch bei der britischen Interieurdesignerin Ilse Crawford etwa ergibt nur ein handelsübliches TV-Porträt, das stellenweise sogar ein bisschen absäuft, in beliebigen O-Tönen, Kinderfotos und Kaffeehaus-Szenen; die hochmoderne Erzählstruktur stottert.

Die Porträtierten hat Ex-"Wired"- Chef Scott Dadich ausgewählt

Das andere Problem ist fast lustig: Die Reihe ist etwas fragwürdig kuratiert. Warum Fiat/Chrysler-Designer Ralph Gilles oder der dänische Architekt Bjarke Ingels stellvertretend für ihre Disziplin gefeiert werden, müsste dem Zuschauer schon erläutert werden. Verantwortlich für die Auswahl ist Scott Dadich, zuvor Chefredakteur der US-Wired. Das erklärt vielleicht die etwas technoide Personal-Mischung. Davon abgesehen ist Abstrakt im Falle einer Fortsetzung auf dem besten Weg, das maßgebliche Who's who für zeitgenössische Gestaltung zu werden. Lebendiger als ein Coffeetable-Book und bequemer als ein Besuch im Museum.

Abstrakt, abrufbar auf Netflix.