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Netflix-Doku über Amanda Knox:Wie konnten sich drei fast wildfremde Menschen zu einem Mord verabreden?

Die Spurensicherung indes gerät zum Desaster. Videoaufnahmen künden vom Chaos am Tatort: Polizisten gehen ohne Schutzanzüge ins Haus, Scheiben werden eingeschlagen, ein Beamter sagt: "Das ist absurd. Hier gibt es eine unglaubliche Missorganisation in jeder Hinsicht."

In dem Raum, in dem Meredith stirbt, gibt es nicht eine Spur von Amanda. Nur auf dem abgeschnittenen BH-Verschluss findet sich ein DNA-Abdruck von Raffaele. Doch dieses zentrale Beweisstück stellt die Polizei erst 46 Tage später sicher; es liegt jetzt an einer anderen Stelle als nach der Tat. Niemand kann die Verschiebung erklären, und eine Kontamination ist möglich. Italiens oberster Gerichtshof wird einen "Mangel an Professionalität" feststellen.

Im Tatraum werden aber 14 Spuren eines anderen festgestellt: die des Afrikaners Rudy Hermann Guede. Der 20-Jährige ist der Polizei als Einbrecher bekannt. Er ist bei der Ermordung zweifelsfrei dabei gewesen und wird in einem separaten Verfahren verurteilt. Doch Guedes Aussagen zu Amanda sind unglaubwürdig; erst ent-, dann belastet er sie. Hinzu kommt, dass er die Amerikanerin allenfalls oberflächlich kannte, Raffaele überhaupt nicht. Wie konnten sich drei fast wildfremde Menschen zu einem Mord verabreden?

Mord aus Rachsucht? Mord aus sexueller Lust?

Die Theorie, die Mignini präsentiert, ist einer der Höhepunkte - dramaturgisch. Die Musik schwillt an, die Schnittfolge wird rascher, doch der filmische Budenzauber steht im Kontrast zur dünnen Erklärung des Staatsanwalts. Meredith und Amanda hätten sich vor Raffaele und Rudy gestritten, der Streit sei eskaliert, und dann: "Ich bin überzeugt, dass Raffaele und Rudy versucht haben, Amanda in dieser Nacht in jeder möglichen Form zu verwöhnen. Vergnügen um jeden Preis. Das steckt im Kern der meisten Verbrechen."

Mord aus Rachsucht? Mord aus sexueller Lust? Keinem Gericht ist es gelungen, das Motiv für die abscheuliche Tat herauszuarbeiten; dennoch wurde das Paar zweimal in Indizienprozessen schuldig gesprochen. Der oberste Gerichtshof monierte im Freispruch 2015 die "eklatant unlogischen" Begründungen. Aber man muss gar nicht dieses Urteil lesen. In der bewegendsten Szene sagt Raffaele Sollecito: "Warum sollte ich ein Mädchen töten? Ich war so glücklich über meine neue Beziehung."

Amanda Knox hat in Seattle ein neues Leben angefangen, Raffaele lebt wieder zu Hause in Bari. Meredith Kercher aber, über die der Zuschauer viel zu wenig erfährt, ist nur 21 Jahre alt geworden. Sicher ist: Sie ist von drei Tätern attackiert worden. Doch nur Rudy Guede wurde beweisfest ermittelt. Ihr Tod bleibt rätselhaft.

Amanda Knox, von Freitag an abrufbar bei Netflix.

© SZ vom 29.09.2016/jobr

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