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3. Staffel von "Cobra Kai" auf Netflix:Vom Jungsein und Älterwerden

Natürlich klingt das alles hanebüchen: ein Teenager-Karate-Turnier als Sache von Leben und Tod plus völlig abgedrehte Liebesbeziehungen. Tory (Peyton List, l.) und Eli (Jacob Bertrand) in "Cobra Kai".

(Foto: Bob Mahoney/Netflix)

"Cobra Kai" ist eine der wenigen Serien, die Väter und Söhne gemeinsam schauen und bei der sie sich verstanden fühlen können.

Von Jürgen Schmieder

Der Mensch muss zwei Sätze kennen über das Leben, und es ist erstaunlich, wie oft er sie vergisst. Der erste: Vergiss nie, dass du jung gewesen bist. Und der zweite: Vergiss nie, dass du alt sein wirst. Wie einfach könnte das Zusammenleben sein, würden alle diese Regeln beherzigen, die übrigens auch der Grund dafür sind, warum die Serie Cobra Kai derart grandios funktioniert. Die dritte Staffel, seit Jahresbeginn auf Netflix zu sehen, hat das Potenzial, die Serie endgültig zum popkulturellen Phänomen zu machen, denn: Wie oft sitzen schon Eltern und Kinder gemeinsam vor dem Fernseher und sind gleichermaßen begeistert?

Cobra Kai ist die Fortsetzung der erfolgreichen Filmreihe Karate Kid aus den 1980er-Jahren. Die Gegenspieler von damals, Daniel LaRusso (Ralph Macchio) und Johnny Lawrence (William Zabka), führen ihre Fehde von einst nun in der Midlife-Crisis fort, wer eigentlich damals der Held der Geschichte war, ist immer noch nicht geklärt. Allerdings: Die Erwachsenen ziehen jetzt Teenager mit hinein in ihre Rivalität. Das führt am Ende der zweiten Staffel - Achtung, Spoiler - dazu, dass Johnnys Sohn im Gefängnis landet und sein Schüler schwer verletzt im Krankenhaus liegt.

Das Älterwerden ist für einen 17-Jährigen ja genauso quälend wie für einen Erwachsenen

Natürlich klingt das hanebüchen: ein Teenager-Karate-Turnier als Sache von Leben und Tod; völlig abgedrehte Liebesbeziehungen; zwei Mittvierziger, die ihre Zukunft und die Gesundheit von Jugendlichen wegen eines Streits von vor 30 Jahren riskieren. Aber ist für einen Teenager nicht alles eine Sache von Leben und Tod? Und sind Männer ab 40 nicht bekannt dafür, in ihrem Geltungsdrang zu Marodeuren zu werden, die ohne Rücksicht auf sich und andere alles niederwalzen?

Es ist die große Stärke dieser Serie, dass sie die Probleme beider Generationen ernst nimmt. Das Älterwerden ist für einen 17-Jährigen ja genauso quälend wie für einen Erwachsenen. Und es ist erfrischend, dass die weiblichen Figuren in Cobra Kai nicht, wie so häufig in US-Serien, die Spielverderberinnen der total verrückten Jungs sind, sondern Stimmen der Vernunft. Wenn sich die Männer mal wieder rotzig und tölpelhaft verhalten, dann wird das rotzig und tölpelhaft gezeigt, aber - und das führt zur zweiten großen Stärke - ein Bösewicht fehlt.

Ja, es gibt Typen, die tun böse Dinge, aber ihr Handeln hat jeweils nachvollziehbare Gründe, und darauf baut diese dritte Staffel auf: Johnny und Daniel müssen nun zusammenarbeiten, um Johnnys alten Trainer aufzuhalten - der eben nicht als finsterer Geselle geboren worden ist, sondern als junger Soldat in Vietnam dazu wurde.

Cobra Kai bleibt den Filmen treu (Daniel reist in dieser Staffel nach Japan und trifft alte Freunde und Feinde), vor allem ist die Serie ein nostalgischer Trip zu ein paar richtig tollen Dingen von früher, zu Musik von Speedwagon und Mötley Crüe oder zum Alltag ohne soziale Medien.

Wer Cobra Kai mit diesen Augen betrachtet und über ein paar riesige Löcher und noch größere Fragezeichen im Drehbuch hinwegsieht, findet eine Serie fürs Familienfernsehen. Und wird erstaunt feststellen, dass sich Vater und Sohn dabei mehr als einmal gegenseitig ansehen und bemerken, dass sie mal jung gewesen sind und mal alt sein werden.

Cobra Kai, auf Netflix.

© SZ/ebri/tyc
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