Oft sieht man Barry mit einer Zigarette in der einen und einem Buch in der anderen Hand. Vor allem mit Invisible Man von Ralph Ellison, einem Roman aus dem Jahr 1952 über einen jungen Afroamerikaner und dessen Leben im rassistischen Amerika. Der ketterauchende Leser hat bald einen neuen Spitznamen weg: "Invisible" - der Unsichtbare.
Sein eigentlicher Spitzname, Barry, ist der Titel des Films, der vom ersten Studienjahr des 20-jährigen Barack Obama (Devon Terrell) an der Columbia University in New York erzählt. Nach Southside with You ist Barry der zweite Film über den jungen Obama, und er ist sehr sehenswert. Er ist leise und langsam - und dadurch umso kraftvoller. Seine Botschaft macht in einem Jahr, in dem die Spaltung der USA so schmerzhaft sichtbar wurde, wehmütig: dass dieses Land einmal ein Ort war, an dem auch jemand, der nirgends dazugehört, seinen Platz finden kann. Und wie genau das ihn sogar zu einem besonders amerikanischen Amerikaner gemacht hat.
Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit ziehen sich dabei als Leitthemen durch den Film. Denn Barry ist beides. An der Uni ist er zu sichtbar, fällt durch seine Hautfarbe auf und wird vom weißen Sicherheitsmann ständig nach seinem Ausweis gefragt. In den sozialen Wohnbauten im schwarzen Harlem wirkt er mit seinem akademischen Hintergrund und seiner Unkenntnis der sozialen Codes ebenso fehl am Platz. Gleichzeitig ist er als derjenige, der nirgendwo richtig dazugehört, auch unsichtbar. Seine Identität ist nicht fest, sondern fließend. Als Sohn einer Weißen aus Kansas und eines Schwarzen aus Kenia, in Hawaii und Indonesien aufgewachsen, ist er dem amerikanischen Festland und seinen verschiedenen kulturellen und ethnischen "Szenen", denkbar fern. In unterschiedlichsten Situationen sagt er immer wieder selbst: "Das ist nicht meine Szene." Aber welche Szene ist seine? Kann er sich für eine davon entscheiden? Muss er das vielleicht sogar?
Eine Zufallsbegegnung machte aus Barrys Schwäche eine Stärke
Auf einer Hochzeit spricht Barry mit einem älteren Paar. Er erzählt ihnen von seinen Eltern, seiner Herkunft, seiner Kindheit. "Weißt du, zu was dich das macht?", fragt ihn der Mann. "Es macht dich amerikanisch. Und du musst dich niemals entscheiden." Diese Aussage ist es, die aus Barrys Schwäche, nirgends dazu zu gehören, eine Stärke macht. Und die in die Zukunft weist, auf den Tag, an dem er der Präsident der USA werden soll. Einer, der immer wieder betont hat, der Präsident aller Amerikaner sein zu wollen. Der ein Hoffnungsträger für die Minderheiten im Land war, aber sich auch nicht hat instrumentalisieren lassen. Am Ende hat er sich doch entschieden. Aber für keine Seite, keine Szene. Sondern ganz bewusst dafür, sich auf den Platz zwischen den Stühlen zu setzen, und dort sichtbar zu sein.
Barry , von Freitag an abrufbar auf Netflix.
Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert
Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.
Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.