Fernsehen:WDR setzt Start von Nemi El-Hassan bei "Quarks" vorerst aus

Nemi El Hassan

"Der Mensch, der ich heute bin, hat nichts mehr mit dem Menschen von damals zu tun": Nemi El-Hassan nennt ihre Teilnahme am al-Quds-Marsch in Berlin 2014 einen Fehler.

(Foto: Tilman Schenk/WDR)

Nach Islamismus-Vorwürfen: Die Journalistin distanziert sich von der Teilnahme am israelfeindlichen al-Quds-Marsch 2014. Doch der WDR will nun sorgfältig prüfen.

Von Thomas Balbierer

Der WDR setzt den für November geplanten Start von Nemi El-Hassan als Moderatorin der Wissenschaftssendung Quarks nach Islamismusvorwürfen vorerst aus. Das teilte der Sender am Dienstagabend mit. Kurz nach El-Hassans Ernennung zur Quarks-Moderatorin hatte die Bild am Montag über ihre Teilnahme an einer israelfeindlichen Demonstration von 2014 berichtet. Daraufhin gab es Forderungen an den WDR, ihr die Moderation wieder zu entziehen. "Wären Moderatoren, Polizisten, Lehrer bei einer rechtsextremen Demo gewesen, hätte das zurecht Konsequenzen", schrieb zum Beispiel die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner auf Twitter.

"Die Vorwürfe gegen sie wiegen schwer. Es wiegt aber auch schwer, einer jungen Journalistin eine berufliche Entwicklung zu verwehren", teilte der Sender mit. El-Hassan habe sich inzwischen deutlich von den Vorgängen distanziert, weshalb eine "sorgfältige Prüfung" geboten sei. Bis zu einem Ergebnis werde sie das bekannte Wissensformat am Donnerstagabend allerdings nicht moderieren.

Zu Beginn der Woche war bekannt geworden, dass die heute 28-Jährige vor sieben Jahren am al-Quds-Marsch in Berlin teilgenommen hat - einer Veranstaltung, die laut Verfassungsschutz von der islamistischen Hisbollah organisiert wird und immer wieder durch extremen Antisemitismus auffällt. 2014, im Jahr ihrer Teilnahme, kam es zu Ausschreitungen, antisemitischen Äußerungen und "Sieg Heil"-Rufen. Auf SZ-Anfrage nennt die Journalistin die Demo einen "Fehler". Sie sei zu dem Zeitpunkt 20 Jahre alt gewesen und habe sich erst später mit den Hintergründen befasst - und dann nicht mehr teilgenommen. "Der Mensch, der ich heute bin, hat nichts mehr mit dem Menschen von damals zu tun", teilt sie mit. Sie habe nie absichtlich Antisemitismus verbreitet. In ihrer Arbeit als Journalistin setze sie sich für eine Gesellschaft ein, "die wehrhaft gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit ist". Sie betont, dass sie für eine Recherche über die rhetorischen Muster von Neonazis 2018 mit dem Civis-Online-Medienpreis ausgezeichnet wurde. "Es ist daher sehr schwierig dabei zuzusehen, wenn man mich bewertet, ohne meine Arbeit der letzten Jahre zu berücksichtigen."

Auch in einem Video der Bundeszentrale für politische Bildung ist sie schon einmal aufgefallen

Kritisiert wird auch ein Video der Bundeszentrale für politische Bildung von 2015, in dem El-Hassan über die Bedeutung des Wortes "Dschihad" spricht. Darin sagt die junge Frau, der Begriff sei "zu einem Symbol der Missinterpretation" verkommen. "Dabei ist Dschihad für mich eine Vision." Die Bild warf El-Hassan in ihrem Bericht vor, islamistische Gewalt "relativiert" zu haben. Die Journalistin bestreitet das. Ausschnitte des Films seien aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Trotzdem setzte eine Debatte darüber ein, ob der WDR an seiner Moderatorin festhalten kann. Die medienpolitische Sprecherin der CDU, Elisabeth Motschmann, bezeichnete die Demo-Teilnahme auf Twitter als "absolutes No-Go". Der Berliner Verein "Werteinitiative. jüdisch-deutsche Positionen" rief den Sender dazu auf, den Vorgang vollständig aufzuklären. "Eine Mitarbeiterin an prominenter Stelle, die sich derartig positioniert hat, ist für die größte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unseres demokratischen Staates nicht tragbar." Am Dienstag warnte der Verein dann davor, den Fall "als billigen Anlass zur Hetze gegen Muslime" zu nutzen.

Der WDR erklärt, er dulde keinerlei Antisemitismus und verurteile die al-Quds-Märsche und die dort vertretenen Positionen aufs Schärfste.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Nemi El-Hassan sei zu dem Zeitpunkt des al-Quds-Marsches 19 Jahre alt gewesen - das schrieb sie in einem Statement auf Instagram. Das ist falsch. Wie sie nun mitteilte, ist sie damals 20 Jahre alt gewesen. Wir haben die Stelle korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

© SZ/tyc
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