"Sandman" auf Netflix:Mitten ins Herz der Gegenwart

Lesezeit: 2 min

"Sandman" auf Netflix: Schwarz, bleich und schmal: Tom Sturridge (l.) als Traum in "The Sandman". Hier in Begleitung von Rose Walker (Kyo Ra).

Schwarz, bleich und schmal: Tom Sturridge (l.) als Traum in "The Sandman". Hier in Begleitung von Rose Walker (Kyo Ra).

(Foto: LIAM DANIEL/NETFLIX)

Die Fantasy-Serie "Sandman" holpert manchmal, aber trifft einen Ton. Leben wir in einem Traum oder einem Albtraum?

Von Philipp Bovermann

Das Tollste an Fantasy-Serien sind doch immer wieder die Tore. Mächtige, reich verzierte, in den Himmel ragende Tore müssen es sein, die kein sterblicher Arm bewegen könnte. Tore, die aufschwingen und zu sagen scheinen: Wer durch mich hindurchgeht, kehrt als ein anderer zurück.

Die Serie Sandman hat ein solches Tor. Und meine Güte, ist es groß. Es trennt die Welt der Wachen und "The Dreaming" (auf Deutsch, reichlich platt übersetzt: das Traumreich). Dort herrscht "Traum", auch "der Sandmann" genannt, halbgöttlicher Gebieter über die Träume und die Albträume der Menschen. So sieht er auch aus: Der Brite Tom Sturridge spielt ihn, dürr, blass, mit finster-intensivem Blick, in einen schwarzen Mantel gehüllt, meist steht er irgendwo herum, zum Beispiel in der Hölle, und sagt dort Sätze wie: "Sagt mir, Luzifer Morgenstern: Welche Macht hätte die Hölle, wenn die hier Gefangenen nicht vom Himmel träumen könnten?"

Ein Albtraummann, aber ein Traum, wenn man auf schwarze Klamotten, schwarze Lidstriche und britischen Akzent steht.

Ausgedacht hat sich diese Figur der Autor Neil Gaiman, die von 1989 bis 1996 erschienene "Sandman"-Reihe gilt als eines der Meisterwerke der Comic-Kunst. Gaiman hat nun selbst mitgeschrieben an der Serie und war außerdem als ausführender Produzent beteiligt - nachdem er drei Jahrzehnte lang damit beschäftigt war, schlechte Adaptionen zu verhindern.

Mit der Moderne ist die profane Welt magisch geworden

Die Serie schlägt jedenfalls einen Ton an, der sofort klingt und dröhnt wie ein Gong im Herz der Gegenwart: Der "Sandmann" wird Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts von einem Zauberer gefangen und eingesperrt. Herrenlos geworden, verlassen die Träume und Albträume sein Reich und wandeln nun unerkannt in der Welt der Lebenden. "Ich passe hier ganz wunderbar rein", sagt ein grinsender Albtraum in Menschengestalt, der in seinen Augenhöhlen zwei weitere Münder hat. In einer Szene sitzt er an einem Schreibtisch, Regentropfen laufen davor an einer Glasfassade hinunter, bunte elektrische Lichter leuchten durch den Regenschleier. Es ist eine dieser trügerisch einfachen Wahrheiten, für die das Fantasy-Genre in seinen besten Momenten Bilder findet: Mit der Moderne ist die profane Welt magisch geworden. Die Gegenwart als wahr gewordener Albtraum - und als Traum. Wie wunderbar verwirrend.

Die Hoffnung auf Erlösung wartet, wo sonst, hinter dem großen, reich verzierten Tor. "The Dreaming" liegt in Schutt und Asche, aber der Palast kann wieder erstehen.

Die Serie schreitet dabei reichlich sprunghaft voran. Figuren tauchen auf und verschwinden, philosophische Zwischenspiele mit Gedankenexperimenten und langen Gesprächen unterbrechen die Handlung. Es wirkt, als sei die Comicreihe eingeschlafen und träume nun von sich selbst, wobei alles ein wenig durcheinanderläuft. Aber das stört nicht sehr, eher fühlt es sich befreiend an, dass die Handlungsfäden in "Sandman" nicht zu gar so strengen Zöpfen geflochten und gebürstet sind wie etwa bei Game of Thrones. Fantasy hat hier mehr mit dem Träumen als mit Traumreichen zu tun. Man muss lediglich, wie der wandelnde Albtraum, mit dem Mund gucken.

Sandman, auf Netflix.

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