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Satiremagazin "Nebelspalter":Über Linke lachen

Cover des "Nebelspalter".

(Foto: Nebelspalter)

Der Journalist Markus Somm hat das Schweizer Satiremagazin "Nebelspalter" gekauft - und politisch neu ausgerichtet.

Von Thomas Kirchner

Die Nachricht schlug ein in der Schweizer Medienszene: Der Journalist Markus Somm kauft den Nebelspalter. Das 1875 gegründete Satiremagazin ist nach eigener Aussage das älteste der Welt, das ohne Unterbrechung erscheint. Es war mal bedeutsam - unter anderem weil es während des Zweiten Weltkriegs gegen die Nazis stichelte, aber das ist lange her. Der Humor bis letzte Woche: brav. Der Standpunkt: unklar, manchmal ein bisschen links. Die Devise: niemandem zu sehr wehtun. Die Titanic ist Dynamit dagegen. Ein Versuch, sich ihr humormäßig anzunähern, ging Mitte der Neunziger schief.

Fragte man Schweizer nach dem "Nebi", sagten sie: "Gibt's den noch?" oder: "Hab ich vor 20 Jahren mal in einer Arztpraxis liegen sehen." Wer kauft so ein Blatt?

Markus Somm hat einige Haken geschlagen in seiner Karriere. In der Jugend Trotzkist, später Sozialdemokrat und Redakteur beim linksliberalen Tages-Anzeiger - bis er irgendwann die Seite wechselte, bei Roger Köppels stramm rechter Weltwoche anheuerte, im Auftrag des nationalkonservativen Politikers Christoph Blocher die eher linke Basler Zeitung ummodelte, 2015 beinahe Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung geworden wäre, schließlich wieder beim Verlag des Tages-Anzeigers landete.

Politisch stehe er "rechts der Mitte", Christoph Blocher nennt er einen "guten Freund"

Von Satire hat Somm, wie er im Gespräch mit der SZ einräumt, "keine Ahnung". Ihm geht es um etwas anderes, ein politisches Projekt. Sein Ziel: einen Schweizer Canard enchaîné zu schaffen, eine Mischung aus Satire, Karikatur und Comedy einerseits - und streitbarem tagesaktuellen Journalismus andererseits. Gegen die "Schwere", die Somm nach einem Jahr Pandemie konstatiert, will der neue Chefredakteur anschreiben und anschreiben lassen, gegen den "Grundalarmismus, der die Leute langsam nervt". Und zwar aus einer "dezidiert liberalen" Perspektive, die auch seinen Geldgebern gefällt: 70 Schweizer Unternehmern unter Führung des früheren Privatbankiers Konrad Hummler, die insgesamt sieben Millionen Franken investieren.

Politisch stehe er "rechts der Mitte", sagt Somm. Er ist Mitglied der Freisinnigen Partei (FDP), sympathisiert inhaltlich aber stark mit der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP). In seinen Kolumnen feiert der Historiker den Schweizer Sonderweg in Europa, lässt kaum ein gutes Haar an der EU und teilt die Kritik der SVP an den Corona-Maßnahmen der Schweizer Regierung. Blocher, über den er eine Biografie geschrieben hat, nennt er einen "guten Freund".

Seit Donnerstagmorgen ist der neue Nebelspalter online, produziert in Zürich (die kleine Print-Redaktion darf noch eine Weile in Horn am Bodensee weitermachen). Erster Eindruck: kurzer Schwindel. Wie ein Medium von einer Sekunde auf die andere die Farbe wechseln kann. Was rötlich war, ist nun schwarz, wo gerade noch die Diskriminierung der Frauen beklagt wurde, lachen nun Frauen über jene, die überall nur diskriminierte Frauen sehen. Tamara Wernli bringt die mäßig originelle These vom angeblichen Diskriminierungsschwindel in einem fast siebenminütigen Video ein. Sie hat sie auch in der Weltwoche schon oft vorgetragen. Sie ist ihr Geschäftsmodell. Nach zwei Minuten wird es anstrengend.

Ansonsten viel Kritik an der Schweizer Corona-Politik, deftige programmatische Kommentare des Chefredakteurs ("Die Zukunft liegt Mitte rechts"), ein Talk-Video mit ihm über den Hintergrund der ganzen Aktion. Insgesamt wenig Überraschendes oder gar Kontroverses. Vielleicht kommt noch was. Wer Humor sucht, wird vorerst, von Frau Wernli abgesehen, auf's Archiv des alten Nebelspalters verwiesen. Der Bierernst der Seite verschärft den Eindruck einer vollständigen Entkernung der alten Publikation. Nur der Name bleibt. Aber wohl kaum einer der bisher 18 000 Abonnenten.

Markus Somm hat von Satire "keine Ahnung". Sie wird auch keine große Rolle mehr spielen beim Nebelspalter. Es geht um etwas anderes.

(Foto: Patrick Gutenberg/Zürichsee Zeitung)

Und wohl auch kaum ein alter Mitarbeiter. Die interne Reaktion auf Somms Einstieg war überwiegend negativ ausgefallen. Auf einer Doppelseite wurde der neue Eigentümer zeichnerisch durch den Kakao gezogen: Somm als Narr im viel zu großen Kostüm. Somm mit großem "Propaganda"-Topf in der Hand, der das Bonsai-Bäumchen Nebelspalter zertritt. "Nous SOMM perdus" (Wir sind verloren) steht über einer Karikatur. Ein Schmähgedicht endet freudlos: "Er setzt sich ins Cockpit als neuer Pilot - Nicht allzu viel später das Blatt, es war ..."

Er könne mit der Kritik gut leben, sagt Somm, immerhin habe man sich Mühe gegeben. Außerdem stehe er für Pluralismus, auch bei der Basler Zeitung habe er gern mit Linken gearbeitet. Doch sei ihm klar, dass sich viele eher linke Kollegen den neuen Kurs auf Dauer "nicht antun" möchten. "Der Milieudruck ist da beträchtlich, die wollen sich ihre Karriere bei uns nicht kaputtmachen."

Wer arbeitet für Somm, wenn so viele nicht mehr wollen?

Ende März hört Redaktionsleiter Marco Ratschiller auf. Die "Weiterentwicklung" des Magazins werde wohl "allzu schmerzhaft" für ihn, wenn er sie "ohne Einfluss aufs große Ganze" begleiten müsse, erklärt er gewunden. Ihn ersetzt der Satiriker Ralph Weibel, der gerne Scherze macht über den "Genderwahnsinn", die "Lockdownomanie" und "maskierte Zombies". Etwa zwei Drittel der meist freiberuflichen Zeichner hätten sich abgewendet, schätzt der Karikaturist Silvan Wegmann. Und nicht nur aus politischen Gründen: Viele Kollegen hätten Somms Scheitern bei der Basler Zeitung vor Augen, die unter ihm massiv an Auflage verlor.

Wer arbeitet dann für Somm, wenn so viele nicht mehr wollen? Wegmann fallen gerade mal zwei Schweizer Zeichner ein, die für das neue Medium vermutlich gerne weitermachen würden. Was Comedians betrifft, wären Marco Rima zu nennen oder der Hardcore-Rechte Andreas Thiel, der sich nach eigenem Bekunden schon auf den neuen Nebelspalter freut. Somms Vorhaben sei ein "Projekt gegen die Wahrscheinlichkeit", spottet das eher linke Online-Magazin Republik. "Das braucht wirklich Mut. Denn rechte Satire ist so etwas wie der Heilige Gral der Komik - viele haben ihn gesucht, niemand hat ihn gefunden."

Kein Problem, entgegnet Somm, der sowohl eine Markt- als auch eine politische Lücke wittert. Witz und Satire seien die "Waffen der Schwachen". In der Schweiz müssten sie sich folglich nicht, wie üblich, gegen rechts, sondern gegen die Linken richten, die das Land in manchen Bereichen absolut dominierten: "in der Kultur, den Medien, der Verwaltung. Eigentlich überall". Was allein deswegen fragwürdig ist, weil die Schweizer Regierung zu fünf Siebteln in bürgerlicher Hand liegt.

Nur in der "privaten Wirtschaft" sei es anders, sagt Somm. "Die meisten Manager und Unternehmer in der Schweiz haben das Gefühl, sie seien völlig in der Defensive, die Medien schrieben sie herunter, und sie könnten sich nicht mehr wehren. Ich teile diesen Eindruck." Somm ist Mitglied der neuen "Kompass"-Allianz aus Unternehmern, die die Schweiz, abseits der Parteien, politisch in ihrem Sinne umbauen und vor allem aus der Abhängigkeit von der EU führen wollen. Ihnen liefert der Nebelspalter eine Plattform - und vielleicht das Gefühl, endlich verstanden zu werden.

© SZ/cag
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