Medien-Kolumne "Abspann":Langsam bis brutal

Vor 125 Jahre wurde die Jukebox erfunden

Wie bei einer Jukebox, die nach dem Zufallsprinzip arbeitet.

(Foto: Patrick Seeger/picture alliance / dpa)

Das "Wilde Wunsch-Wochenende" mischt alle Musikgenre ohne Rücksicht auf Stimmigkeit und Programmplanung zusammen - das ist emotional, klischeehaft und ein riesengroßer Spaß.

Von Lina Wölfel

Es ist schwer in Worte zu fassen, was passiert, wenn auf NDR1 das Wilde Wunsch-Wochenende läuft. Die Songliste gleicht eher einer Achterbahnfahrt durch so gut wie jedes Musik-Genre, das es gibt, als dem, was man normalerweise im Radio zu hören bekommt. Von Abba bis Zappa, vom italienischen Genre Lento Violento (was in etwa so viel heißt wie langsam aber brutal) bis zu den Kastelruther Spatzen: den Moderatorinnen und Moderatoren Susanne Neuß, Michael Thürnau und Andreas Kuhnt ist kein Bruch zu hart. Kaum verklingen die letzten Töne von Whitney Houstons "My Name is Not Susan", schon trällert Karel Gott "...und diese Biene, die ich meine nennt sich Maja". Es ist ein wilder Ritt, von dem man keine Minute verpassen will. Auch, weil das Publikum immer wieder persönlichen Geschichten zu ihren Musikwünschen erzählt.

Diese Geschichten klingen oft ein wenig nach Poesiealbum und Telenovela. Da wurde zu "A Head Full of Dreams" auf einem Coldplay-Konzert das erste Mal geknutscht, während "Marmor, Stein und Eisen bricht" lief der erste Disco Fox in der Tanzschule getanzt und mit Marianne & Michaels "Zillerthaler Hochzeitsmarsch" geheiratet. Es geht um Erinnerungen, die mit Musik verbunden werden, um Fußballspiele mit den Kumpels und Discobesuche in den "guten alten Zeiten". Am Sonntagmorgen erzählt ein Ehepaar, wie sie zu "Born in the USA" von Bruce Springsteen das erste Mal aus der ehemaligen DDR in den Westen gefahren sind.

Samstagabend gibt es, wie jedes Jahr, Pizza im Studio - gesponsert von Kurt und Ingrid aus Perth

Das Wilde Wunsch-Wochenende gibt es beim NDR seit 2015. Jedes Jahr gehen rund 30 000 Musikwünsche von Hörerinnen und Hörern ein, von denen ungefähr 700 in 58 Stunden Sendezeit erfüllt werden. Überraschend und zugegebenermaßen auch ein bisschen berührend ist auch, welche Fangemeinde sowohl die Moderatoren, als auch das Format inzwischen haben. Am Samstag gegen 16 Uhr ruft eine etwas ältere Frau im Studio an und gibt zu, dass sie seit vier Uhr morgens in ihrem Sessel strickt und dabei das Wilde Wunsch-Wochenende hört. Als den Moderatoren am Samstagmorgen die Kaffeefilter ausgehen, müssen sie zwei Stunden später darum bitten, dass die Hörer aufhören, Kaffeefilter an die Pforte zu bringen. Und Samstagabend gibt es, wie jedes Jahr, Pizza im Studio - gesponsert von Kurt und Ingrid Hansing aus Perth.

Am Sonntagabend war das Wunsch-Wochenende 2021 dann vorbei. Als letzter Song wurde "Thank you for the Music" von Abba gespielt. Was für ein pathetischer Abschluss für einen emotionalen Musikmix.

© SZ/hy
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