NDR:Theologe soll NDR untersuchen

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NDR: Ein Seelsorger für die Öffentlich-Rechtlichen: Stephan Reimers will im NDR Fragen stellen und zuhören.

Ein Seelsorger für die Öffentlich-Rechtlichen: Stephan Reimers will im NDR Fragen stellen und zuhören.

(Foto: Ralf Pleßmann/NDR/obs)

Intendant beauftrag den ehemaligen EKD-Bevollmächtigten Stephan Reimers mit "Klima-Analyse" im krisengeschüttelten Sender.

Von Claudia Tieschky

Im aufgewühlten Norddeutschen Rundfunk (NDR) soll der 78-jährige Theologe Stephan Reimers die Unternehmenskultur untersuchen. "Ich brauche, wenn man so will, eine Bestandsaufnahme für den gesamten NDR", sagte Intendant Joachim Knuth bei der Vorstellung des Plans am Donnerstag. Reimers "Klima-Analyse" (Knuth) soll bis Januar ausdrücklich auch die Mitarbeiter in Produktion und Verwaltung des Senders einschließen. Ziel sei eine "neue Kultur des Vertrauens und des redaktionellen Miteinanders", so der Intendant und ging auf die Probleme in Hamburg und Kiel ein. "Wir haben in beiden Funkhäusern mit erheblichen atmosphärischen Problemen zu kämpfen." Reimers war Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche bei der Bundesrepublik und der Europäischen Union, er leitete die Hamburger Diakonie, wo er unter anderem die Obdachlosenzeitung Hinz und Kunz initiierte, und wirkte in Führungsgremien von Aktion Sühnezeichen und Welthungerhilfe. Zudem war er Mitglied im NDR Rundfunkrat und im Hörfunkrat beim Deutschlandfunk.

Der NDR untersucht derzeit im Landesfunkhaus Hamburg den Vorwurf, die Direktorin Sabine Rossbach habe Compliance-Regeln verletzt und Verwandte begünstigt; sie lässt ihr Amt ruhen, die Anti-Korruptionseinheit des NDR will bis Mitte Oktober dazu Ergebnisse mitteilen. Im Landesfunkhaus Kiel steht der Vorwurf politischer Einflussnahme im Raum; eine von zwei NDR-Mitarbeitern in dieser Woche vorgelegte Untersuchung fand dafür keine Anhaltspunkte, schränkte aber ein, eine verlässliche Aussage dazu wegen der Kürze der Zeit nicht treffen zu können. Im Landesfunkhaus habe ein gestörtes Klima geherrscht, resümierte der Bericht. Am Mittwoch wurde bekannt, dass die NDR-Führungskräfte Julia Stein und Norbert Lorentzen aus Kiel versetzt werden; Funkhausdirektor Volker Thormählen dagegen bleibt; Intendant Knuth erklärte nun, er habe sich nach vielen Gesprächen entschieden, dass Thormählen bleiben solle. Aus dem Auftrag, im Bereich Fernsehen in Kiel für rasche Aufklärung und Ordnung zu sorgen, habe Thormählen die Konsequenz gezogen, Stein und Lorentzen zu entbinden, sagte Knuth.

Intendant Knuth räumt auch eigene Fehler ein

Der Intendant, der seit Januar 2020 im Amt ist, räumte auch eigene Fehler ein. Einen umfangreichen Bericht des Redaktionsausschusses, der Beschwerden von Mitarbeitern aus Kiel bereits im Dezember 2021 thematisierte, hätte er "besser stärker an mich gezogen", statt dem zuständigen Landesfunkhausdirektor und dem Justiziariat zu überlassen - "das war nicht gut". Ob er womöglich schon länger auf einem anderen Planeten wohne oder warum er von den Vorgängen nichts mitbekommen habe, wurde Knuth während des Pressegesprächs auch gefragt. Der Senderchef verwies auf seinen Amtsantritt in der Corona-Zeit; dadurch seien Besuche in den Regionalstudios nur virtuell möglich gewesen.

Reimers erklärte auf Nachfrage, er werde für seine Untersuchung ganz sicher auch mit dem Intendanten reden. Er sei zwar von Knuth beauftragt, es werde aber keine Steuerung im Hintergrund geben. "Mein Leben lang war Unabhängigkeit für mich ein sehr wichtiger Wert." Er werde seine Aufgabe unverzüglich beginnen und sehe seine Rolle in erster Linie darin, "zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen". Die Gespräche, die er mit Mitarbeitern in allen Bereichen des NDR führen werde, würden absolut vertraulich behandelt.

Reimers Aufwandsentschädigung liegt laut Knuth in einem "sehr niedrigen fünfstelligen" Bereich; ein Prozessmanager, der bereits im Landesfunkhaus Hamburg ist, soll ihm dabei zur Seite stehen. Parallel hat auch der Landesrundfunkrat in Schleswig-Holstein eine internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beauftragt, die die Vorwürfe gegen Führungskräfte im Landesfunkhaus Kiel aufklären soll.

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