Öffentlich-rechtlicher Rundfunk:An einem Strang

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Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Katja Marx kam als Hörfunkdirektorin zum NDR, um die Hörfunkdirektion abzuschaffen. Fortan leitet sie gemeinsam mit Frank Beckmann die fusionierte Programmdirektion des NDR.

Katja Marx kam als Hörfunkdirektorin zum NDR, um die Hörfunkdirektion abzuschaffen. Fortan leitet sie gemeinsam mit Frank Beckmann die fusionierte Programmdirektion des NDR.

(Foto: Christian Spielmann/NDR)

Als letzte ARD-Anstalt organisiert der NDR seine Programmdirektionen neu. Weil ihm die Reformen anderer Sender eine Warnung sind, geht er dabei einen ungewöhnlichen Weg.

Von Stefan Fischer

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) verschmilzt zum Jahreswechsel seine beiden bisherigen Programmdirektionen zu einer einzigen. Geführt wird sie von einer Doppelspitze: Katja Marx, bisher Hörfunkdirektorin, und Frank Beckmann, bisher Fernsehdirektor.

Das ist innerhalb der ARD eine außergewöhnliche Entscheidung. Zwar gibt es in dem öffentlich-rechtlichen Verbund vier weitere Landesrundfunkanstalten mit nur einer Programmdirektion. Es sind jedoch die vier kleinsten: Radio Bremen (RB), der Saarländische Rundfunk (SR), der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und der Hessische Rundfunk (HR). Bei allen vier Sendern hat das gesamte Programmangebot, ob Fernsehen, Radio oder Web, einen Umfang, der es leichter erlaubt, die Verantwortung dafür in nur eine Hand zu legen.

Die anderen großen ARD-Sendeanstalten haben sich für zwei getrennte Programmdirektionen entschieden

Anders sieht es bei den übrigen ARD-Anstalten aus. Der NDR etwa ist nach WDR und SWR die drittgrößte unter ihnen. Dessen Etat von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr ist höher als der von HR, RBB, SR und RB zusammengerechnet. Weil die großen Sender deutlich mehr Programm produzieren, haben sie sich bei ihren Strukturreformen der vergangenen ein, zwei Jahre jeweils dafür entschieden, zwei getrennte Programmdirektionen beizubehalten. Mit Ausnahme eben des NDR. Der erhofft sich von der Zusammenlegung der beiden Direktionen eine bessere Vernetzung und Zusammenarbeit aller redaktioneller Mitarbeiter. Die Doppelspitze braucht es, weil in einem so großen Betrieb die Aufgaben nicht von einer Person allein bewältigt werden können: Der neuen Programmdirektion unterstehen rund 1100 festangestellte und 700 freie Mitarbeiter, das Honorarvolumen beläuft sich auf etwa 350 Millionen Euro.

In den öffentlich-rechtlichen Sendern ist eine Neuorganisation erforderlich geworden, weil die klassische Aufteilung in eine Fernseh- und eine Hörfunkdirektion durch die Digitalisierung keinen Sinn mehr ergibt. Sowohl ein crossmediales Arbeiten als auch der Abbau von Doppelstrukturen sind in der überkommenen Aufteilung nur schwer möglich. WDR, SWR, BR und MDR haben sich deshalb entschieden, die neuen Programmdirektionen thematisch zu sortieren, in eine Informations- und in eine Kulturdirektion

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Frank Beckmann war zwölf Jahre lang Fernsehdirektor beim NDR. Fortan gibt es nur noch eine Programmdirektion, die er gemeinsam mit Katja Marx leitet.

Frank Beckmann war zwölf Jahre lang Fernsehdirektor beim NDR. Fortan gibt es nur noch eine Programmdirektion, die er gemeinsam mit Katja Marx leitet.

(Foto: Christian Spielmann/NDR)

"Diese Trennung erscheint uns für den NDR nicht sinnvoll", sagt Katja Marx, vormals Hörfunkdirektorin und seit 1. Januar - in einem gemeinsamen Büro - gemeinsam mit Frank Beckmann verantwortlich für das gesamte Programm. "Wir wollen nicht zwei Silos bauen, die davon leben, sich voneinander abzugrenzen." Sie spricht dezidiert nur für den NDR, möchte die Entscheidungen der anderen Häuser nicht bewerten.

Doch es liegt auf der Hand, dass man beim NDR erkannt hat, auch aufgrund erster Erfahrungen innerhalb der ARD, welche Probleme auftreten können bei zwei inhaltlich getrennten Programmbereichen: Beinahe zwangsläufig wird zwischen den Direktionen um Macht und Einfluss gestritten, werden Personalstärke und Etats miteinander verglichen. Und jede Veränderung zum Guten oder Schlechten provoziert potenziell die Frage, ob das die andere Direktion im gleichen Maß betrifft.

Außerdem ist die inhaltliche Aufteilung bei weitem nicht so trennscharf, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Das erhöht den Abstimmungsbedarf und die Gefahr von Reibungsverlusten. So hat der WDR beispielsweise eine Direktion Information, Fiktion, Unterhaltung und eine Direktion NRW, Wissen, Kultur. In der regionalen NRW-Berichterstattung spielen jedoch sowohl Information als auch Unterhaltung eine zentrale Rolle. Beim MDR wiederum gehören Serien in die eine und junge Angebote in die andere Direktion. Was ist mit Serien für ein junges Publikum? Und nicht nur der SWR ordnet Hörspiele und Lesungen der Kulturdirektion zu, nicht aber die übrige Fiktion.

Der NDR hat sich für einen anderen Weg entschieden. Für einen mit weniger bürokratischen und organisatorischen Hindernissen. Im Vertrauen darauf, dass Katja Marx und Frank Beckmann als Doppelspitze funktionieren.

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