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Lenz-Verfilmung "Der Überläufer":Großes, grenzüberschreitendes (Fernseh-)Kino

Das ist der eine Teil der Geschichte. Die relevante Idee. Der andere Teil ist die Art, wie Lenz diesen Stoff erzählt, nämlich als packendes Soldatendrama, als klaustrophobisches Kammerspiel im Niemandsland des Krieges, ein letzter Posten, im sumpfigen, düsteren Wald, umgeben von polnischen Freischärlern, die entschlossen sind, die verhassten wie gefürchteten Wehrmachtssoldaten zu besiegen. Lenz erfindet komplexe, pralle Figuren und surreale Apocalypse-Now-hafte Szenen, schreibt brillante Dialoge - und erzählt obendrein die raue, schroffe Liebesgeschichte zwischen dem deutschen Wehrmachtssoldaten und der polnischen Widerstandskämpferin Wanda, womit klar sein dürfte, was Raiser auch in diesem Stoff gesehen hat: richtig großes, grenzüberschreitendes deutsch-polnisches (Fernseh-)Kino.

An diesem Drehtag in Krakau steht eine Massenszene auf dem Programm. Der gewaltige Versammlungssaal des leer stehenden Verwaltungsgebäudes ist jetzt ein Saal in der Ostberliner Sowjetkommandantur. Dorthin hat es Walter Proska und seinen vom Kommunismus weitaus mehr beseelten Kameraden Kürschner verschlagen. Der Saal ist voll, ein hochrangiger Funktionär aus Moskau stimmt die sozialistischen Freunde und die Sowjet-Soldateska im bleiernen Technokraten- Stakkato ein, das Ulrich Tukur als Redner wegen Uneinprägbarkeit in die Verzweiflung treibt und ihm ein leises "Scheiß Text" entfahren lässt.

Mitten unter den gehorsam stürmischen Beifall spendenden Versammelten steht Jannis Niewöhner, der den Überläufer Proska spielt. Um ihn herum in langen Reihen all die polnischen Statisten, die ostdeutsche Sozialisten und sowjetrussische Soldaten spielen. Wenn Regisseur Florian Gallenberger vom Raum nebenan "Stop" ruft, dann wird es weitergetragen wie auf einem Segelschiff vom Kapitän über den Maat zum Matrosen, weil die Entfernungen so groß sind. Und manchmal wird auch ein polnisches Wort daraus. Dass in Polen gedreht wird, hat zum einen mit kostengünstigen Original-Locations zu tun; zum anderen damit, dass die Finanzierung des Films laut Stefan Raiser nur geschafft wurde, weil seinem Team als erster deutscher Filmproduktion von der neugegründeten polnischen Cash-Rebate-Förderung eine Million Euro zuteil wurde. "Ohne dieses polnische Geld", sagt Raiser, "wäre der Film nicht zu realisieren gewesen."

DER ÜBERLÄUFER

Einstimmung für künftige Großtaten: Walter Proska hat nach seinem Seitenwechsel in die sowjetische Besatzungszone verschlagen. Auch dieser Saal in der Ost-Berliner Sowjet-Kommandatur ist in Krakau.

(Foto: Dreamtool Entertainment/Krzysztof Wiktor)

Was für eine deutsch-polnische Geschichte: Deutsche schlagen sich auf die Seite der Polen, die polnischen Freischärler tragen den Sieg davon, eine Polin verliebt sich in einen Wehrmachtssoldaten. Ein deutscher Hauptdarsteller und Małgorzata Mikołajczak als beeindruckende polnische Hauptdarstellerin. Der Überläufer wurde teilweise in einer wunderschönen Stadt gedreht. In der an jeder Ecke Schilder stehen, die für Touren nach Auschwitz werben. Die Gedenkstätte des deutschen Vernichtungslagers ist eineinhalb Stunden entfernt.

Eine zerrissene Welt, deren Spiegelbild dieser Walter Proska ist, so wenig ein Held wie ein Verräter, ein Schicksalsgetriebener, einer, der den Tod vor Augen, die Seiten wechselt, als die siegreichen polnischen Widerstandskämpfer ihm keine andere Wahl lassen, Proska ist ein Überlebensläufer. Der noch mal das System wechseln und nach Westberlin gehen wird. Für Grimmepreisträger Jannis Niewöhner ist es eine große Herausforderung, jemanden zu spielen, der keine Haltung hat. Aber dieses Ambivalente der Romanvorlage macht für den 27-Jährigen gerade die Qualität der Geschichte aus. "Damit wir bei einer Begegnung Liebe erkennen, gehen wir oft von der falschen Annahme aus, dass alles richtig sein muss. Es ist gut, dass die Rohheit und Härte, die Lenz bei dieser Liebesgeschichte beschreibt, dringeblieben sind."

Über die Umsetzung des Stoffs gab es im Vorfeld offenbar erhebliche Meinungsunterschiede: Regisseur Florian Gallenberger stieg erst vier Monate vor Drehbeginn ein, weil Hans Steinbichler und die Produktion keinen Konsens fanden. So kam ein Oscarpreisträger ins Team (2001 bester Kurzfilm), der mit einer Polin verheiratet ist.

DER ÜBERLÄUFER

Eine rohes Spiel mitten im Krieg: Das ist die Liebesgeschichte zwischen dem Wehrmachtssoldaten Walter Proska (Jannis Niewöhner) und Wanda (Małgorzata Mikołajczak). In ihrer Hand liegt die Pistole, die auf Proskas Kopf zielt.

(Foto: Dreamtool Entertainment/Krzysztof Wiktor)

Trotz der Belastung von fast 60 Drehtagen am Stück erzählt er begeistert, wie toll er den Mut von Lenz findet, eine aus Sicht der damaligen Zeit Verräterfigur in das Zentrum eines Romans zu stellen. "Da schreibt einer kurz nach dem Krieg ein Buch, und es wird erst 65 Jahre später veröffentlicht. Das zeigt ja, dass das Nachkriegsdeutschland für eine solche Figur nicht bereit war. Da war keine Toleranz dieser Figur gegenüber, das hätte man nicht angenommen." Nicht, weil Proska ein Überzeugungstäter wäre, sondern weil "ambivalente Verhaltensweisen beim Zuschauer Angst auslösen. Im Nachkriegsdeutschland wollen die Leute eindeutige Haltungen und eindeutige Überzeugungen. Da hätte dieses Buch sie überfordert."

Und heute? Wie wird das alles zusammenpassen, das große spannende mitreißende Erzählkino und die ambivalenten, in ihrer Verlorenheit und Zerrissenheit verstörenden Lenz-Figuren, die subtilen Zwischentöne und die wuchtige Filmmusik?

So schlecht scheint sich das alles nicht zu fügen: Raiser und die Lenz-Erben stehen kurz vor einer Einigung, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Sie soll in mehrere Verfilmungen aus dem Werk münden.

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