NDR "Die sind doch alt genug"

Matratzen und Heizdecken zu Fantasiepreisen: Fünf Millionen Senioren fallen jährlich bei Kaffeefahrten auf Betrügereien herein. Nun zeigt der NDR, wie die dreiste Abzocke funktioniert und wie ein Ex-Kommissar in der Szene ermittelt.

Von Runa Behr

Dreitausend Euro kostet eine Matratze. "Wenn Sie die nicht kaufen, laufen Sie blindlings in die Demenz rein." Der Verkäufer rudert mit den Armen, wirft mit Superlativen um sich, halb Teleshopping-Moderator, halb Fischmarktschreier. "Greifen Sei zu. Sie merken doch schon, dass Sie langsam schusselig werden." In diesem Moment zückt eine eingeschleuste Undercover-Seniorin ihr Handy, verschickt eine Nachricht: Zugriff!

Die SMS landet bei Bernhard Stitz, 64, der seinen Polizeijob aufgegeben hat, aber nicht das Ermitteln. Der Flensburger lässt Betrüger auffliegen, die alte Menschen auf Kaffeefahrten abzocken. Mehr als fünf Millionen Senioren lassen sich jährlich mit Geschenken und kostenlosen Ausflügen zu den Verkaufsshows ködern, bei denen ein "Nein" nahezu unmöglich wird. Mit dem ehemaligen Kriminalkommissar hat Autorin Jessica Ostermüncher einen grundsympathischen Protagonisten und Lehrmeister für ihre NDR-Dokumentation Kampf den Kaffeefahrten gefunden. Er zeigt seine Arbeit, wendet sich aufklärerisch und warnend an den Zuschauer, resolut und besonnen, mit einer norddeutschen Kühle, bei der einem dennoch warm ums Herz wird. Seit mehr als zwanzig Jahren ist Stitz aktiv. Das ist auch ein Problem.

Die Verkäufer kennen ihn. Einmal war er für eine Reportage mit Markus Lanz unterwegs - Stitz haben sie erkannt, Lanz nicht. Der Doku-Untertitel bezeichnet Stitz als den "Rächer der Reingelegten", sie erzählt auch von den Drohbriefen, die er von Verkäufern erhält. "Das nächste Mal gibt's Arschvoll!", steht da.

Kurz nachdem Stitz die Matrazenveranstaltung auflöst, knöpft er sich den Busfahrer vor, der die Senioren dorthin gebracht hatte. Ob er sich denn nicht schäme? Ein Blick zu den weißhaarigen Herrschaften im Hintergrund, ein Schulterzucken: "Die sind doch alt genug." Wie Robin Hood den Armen half, kümmert sich Stitz um die Gutgläubigen. Um Ingrid Friedrich etwa, die Ramschprodukte zu Fantasiepreisen gekauft hat, die von den Gaunern extra zum Geldautomaten chauffiert wurde, damit sie auch brav in bar bezahlen konnte. In der Sendung sitzt sie neben Stitz, erzählt in Einspielern von ihren Erlebnissen. Wischt sich Tränen aus dem Gesicht, die Kamera hält drauf. Da fällt selbst Stitz aus seiner Rolle, die keine ist, klopft Ingrid den Rücken. Runa Behr

Kampf den Kaffeefahrten. Die Rächer der Reingelegten, NDR, 21.15 Uhr.