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Natascha Kampusch bei Günther Jauch:Unbehagen im Publikum

Auch zu jenem 23. August 2006, dem Tag der Befreiung, gibt es einen Einspieler aus dem Film. Zu sehen ist Natascha, wie sie im Garten das Auto ihres Kidnappers putzt und dann in einem Augenblick seiner Abwesenheit durchs Tor entwischt. Es habe doch schon vorher Gelegenheiten gegeben - bei einem Besuch mit ihrem Entführer im Baumarkt oder als sie mit ihm in eine Polizeikontrolle geraten sein - warum sie nicht schon früher geflohen sei, hakt Jauch ein. "Da war ein inneres Gefängnis, das es mir unmöglich gemacht hat, mich zu befreien", sagt Kampusch.

Die Frage nach dem Warum - Warum flieht ein Opfer nicht, wenn es kann? - sie treibt wohl viele beim Fall Kampusch um, weil ein solches Verhalten dem typischen Opfer-Bild widerspricht. Deshalb ist es wichtig, dass Jauch sie stellt. Doch hätte man sich an dieser Stelle zur Abwechslung dringend einen Einspieler gewünscht zu den Hintergründen emotionaler Gebundenheit zwischen Opfer und Täter, oder eine Erklärung des geladenen Trauma-Experten. Denn Natascha Kampusch beantwortet zwar jede Frage mit einer bisweilen quälenden Ehrlichkeit. Doch sie tut es eben auf ihre ganz eigene Art: sorgfältig durchdacht, mit gewählten, manchmal gestelzt wirkenden Worten. "Der Kampusch zuzuhören, macht mich nervös", kommentiert eine Zuschauerin bei Twitter.

Doch nicht nur im Publikum scheint es Unbehagen und Unverständnis darüber zu geben, wie sich Natascha Kampusch mit ihrer Gefangenschaft arrangiert hat - und wie sie ihr Leben wieder in Freiheit gestaltet. Auch dem Moderator mangelt es an Verständnis für seinen Gast.

Das kann man erahnen, wenn der ARD-Talker Kampusch zu ihrem Leben in Wien befragt und dabei durchscheint, wie unvernünftig er diese Wohnortwahl findet: "In Österreich kennt jeder ihr Gesicht - ist das nicht Teil des Problems?" Sie habe nicht in Anonymität leben, ihre Identität aufgeben wollen, sagt die 25-Jährige. Acht Jahre lang hat sie dafür gekämpft, sich selbst nicht zu verlieren. Unverständnis klingt auch bei einer von Jauchs nächsten Fragen durch: "Wollten oder mussten Sie an die Öffentlichkeit gehen?", will er wissen. "Beides", sagt Kampusch und fügt fast entschuldigend hinzu, sie habe sich nicht den Paparazzi aussetzen und Artikeln zuvorkommen wollen, "die jeglicher Authentizität entbehren".

Wenig später, mittlerweile sind die anderen Gesprächspartner dazugestoßen, spricht der Moderator die 25-Jährige auf ihr Negativ-Image in Teilen der Öffentlichkeit an. Er konfrontiert sie mit Anfeindungen in einem Online-Forum, gleich mehrere, mehr oder minder menschenverachtende Kommentare verliest Jauch, um Kampusch dann - in gnadenloser Boulevard-Manier - zu fragen, wie sie sich dabei fühle. "Ich denke", sagt sie, "das macht einen sehr sprachlos und traurig." Wie immer, wenn sie sich unwohl fühlt, wandert ihr Blick dabei weg vom Gegenüber zur Studiodecke.

Wenn sich Jauch in diesem Moment nicht für sich selbst schämt, der Zuschauer tut es. Dass Kampusch den Weg in die Medien gesucht hat und noch immer sucht, mag man nachvollziehen können oder unverständlich finden. Doch so wenig wie die junge Frau die im Netz verbreitete hasserfüllte Häme verdient hat, so wenig hat sie einen Gesprächspartner verdient, der ihr nachzutragen scheint, dass sie sich der Öffentlichkeit aussetzt - um im gleichen Moment ihr Schicksal medial auszuschlachten.