Nannen-Preis SZ drei Mal ausgezeichnet

Kisch-Preisträger Bastian Berbner im Gespräch mit Marietta Slomka.

(Foto: Georg Wendt/dpa)

Im Jahr nach dem Relotius-Skandal wurde der Journalistenpreis in deutlich reduziertem Rahmen verliehen wurde.

Von Thomas Hahn

Oliver Schmetz und Stephan Mohne erleben den Wandel der Medienlandschaft als Redakteure der Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten. Das ist nicht immer einfach, aber die Veränderungen von 2018 waren für sie eine Chance. Die Chefredaktion befreite sie vom Alltagsdienst. Prompt enthüllten sie unerlaubte Beförderungen von Personalräten in Stadt und Region. Dafür gab es den Nannen-Preis für lokale investigative Leistung.

Diese Auszeichnung war am Samstagabend bei der Verleihung der Nannen-Preise ein ermutigendes Zeichen. Mit Wachsamkeit und präzisen Texten wollen AZ und AN dem wirtschaftlichen Druck standhalten. Solch ein Selbstbewusstsein ist nicht mehr selbstverständlich - schon gar nicht nach dem Jahr 2018, in dem der Reporter Claas Relotius mit gefälschten Geschichten beim Spiegel  aufflog.

Wenn Reporter ihre Texte mit Fantasie dopen, verliert Journalismus seine Berechtigung. Demut und Selbstkritik waren deshalb Teil des Nannen-Preis-Festes. Gastgeber Gruner + Jahr legte es bodenständiger an als vor einem Jahr. Die Kür fand in der Kantine des Verlags statt. Statt Satire von Olli Dittrich gab es einen Talk zur Fehlerkultur mit Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann sowie Zeit-Chefreporter Stefan Willeke und davor einen offenen "Tag des Journalismus", bei dem Klusmann und Willeke ebenfalls über Fehlerkultur talkten.

Klusmann war angemessen zerknirscht ("ziemlich verheerend"), Willeke hielt ein Plädoyer für die "struppige" Geschichte, die nicht der Sehnsucht nach dem perfekten Drama nacheifert. Und am Ende konnten wohl alle Marietta Slomka vom ZDF zustimmen, die als Moderatorin und Mitglied der Hauptjury sagte: "Eine Redaktion und ein Reporter muss aushalten, dass eine Geschichte auch mal nicht so gut ist."

Journalisten dürfen nicht vorher schon wissen, wie eine Geschichte laufen soll. Die bewegendsten sind ohnehin immer anders, als man denkt. Das kann das NSU-Prozess-Team der Süddeutschen Zeitung bestätigen: Annette Ramelsberger, Rainer Stadler, Wiebke Ramm und Tanjev Schultz bekamen für ihre jahrelange Dokumentation den Sonderpreis der Stern-Chefredaktion. Das kann auch Bastian Berbner bestätigen, der für das SZ-Magazin in der Königsdisziplin Reportage gewann. Auch der Preis in der Kategorie "Web-Projekt" ging an ein SZ-Team, bestehend aus Katharina Brunner, Sabrina Ebitsch, Sebastian Gierke und Martina Schories, für ihre Arbeit "Das gespaltene Parlament".

Preisträger Bastian Berbner erzählte auf der Bühne, dass er eigentlich wegen eines Demokratieprojekts nach Irland gereist war. Er sprach mit vielen Leuten und hörte, ein Briefträger in Macroom habe etwas zu erzählen. Finbarr O'Brien erzählte ihm dann, wie er seine Homophobie überwand und sich mit dem schwulen Chris Lyons anfreundete. Daraus wurde "Ich und der ganz andere", eine klug montierte Reportage, so einfach und tief, wie sie nur einer schreiben kann, der dem Leben seinen Lauf lässt.