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TV-Comedian:John Oliver und das Geschäft mit Gott

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Der amerikanische TV-Comedian John Oliver, jetzt Gründer einer eigenen Kirche.

Der US-Komiker rechnet mit Fernsehpredigern ab. Dazu gründet er sogar eine eigene Kirche.

Von Felicitas Wilke

Zuerst landete ein Brief mit einem Ein-Dollar-Schein in John Olivers Post. Er solle ihn für eine Nacht in seine Bibel legen, hieß es darin, und zurückschicken. Mit 37 weiteren Dollar. Zur Belohnung werde er bald einen weiteren Dollarschein erhalten, und zwar einen gesegneten. Sieben Monate, 26 Briefe und 319 Dollar später sitzt der Satiriker Oliver in einem New Yorker TV-Studio und rechnet in seiner Show "Last Week Tonight" mit den Methoden amerikanischer Fernsehprediger ab. Dabei schreckt er nicht vor Selbstversuchen zurück.

Schon seit Jahrzehnten flimmern Abbilder von Männern und Frauen über US-Bildschirme, die das Wort Gottes predigen. Vor allem aber werben sie um Spenden leichtgläubiger Zuschauer.

"Greifen Sie zum Telefon, pflanzen Sie die Saat"

Die sogenannten Televangelisten vertreten das Wohlstands-Evangelium, eine Auffassung, die finanziellen Reichtum als Zeichen der Gunst Gottes sieht. Die Spenden, predigen sie, werden eines Tages als Geldvermögen zu den Menschen zurückkommen. Gerne bemühen sie das Bild vom Saatgut, das später geerntet werden kann: "Greifen Sie zum Telefon, pflanzen Sie die Saat und sehen Sie, wie Gott Ihre Probleme lösen wird", so formuliert es einer der Fernsehpfarrer. Und tatsächlich rufen viele Zuschauer an.

Gerade im erzkonservativen "Bible Belt" im Südosten des Landes haben die Prediger viele Anhänger. Allein der Sender Daystar soll jährlich etwa 35 Millionen Dollar an Spenden einnehmen. Kenneth und Gloria Copeland, zwei der bekanntesten Vertreter ihrer Spezies, leben in einer 6,3-Millionen-Dollar-Villa. Es ist als ihr "Pfarrhaus" gelistet.

John Oliver, Enddreißiger mit feinem britischem Akzent, wurde in den USA als Ko-Moderator von Jon Stewart in der Satiresendung "The Daily Show" bekannt, die der "Heute-Show" im ZDF als Vorbild diente. Inzwischen nimmt er sich in seiner eigenen Sendung auf dem Kanal HBO jeden Sonntag eines gesellschaftlichen Themas seiner Wahlheimat an.

"Heilung durch Glaube"

Es ist komisch, wenn Oliver vom TV-Pfarrer Creflo Dollar erzählt, bei dem der Name Programm ist. Der Komiker steht aber auch für Klartext. Der TV-Predigerin Gloria Copeland ruft er zu: "Es ist ziemlich klar, dass diese Dame das Wort Gottes nicht hören kann, denn wenn sie es könnte, würde sie ziemlich sicher ein 'Fuck you, Gloria' vernehmen." Oliver spielt damit auf eine krebskranke Frau an, die starb, nachdem sie ihr Geld in Spenden statt in eine Therapie gesteckt hatte. Copeland schreibt Bücher zur "Heilung durch Glaube" und sieht in der Krebsmedizin ein "Gift, das einen noch kränker macht".

Die Spenden für Fernsehprediger sind nicht nur legal, sondern auch steuerfrei. So sieht es das amerikanische Steuergesetz für Kirchen vor. Eine Kirche zu werden, das ist in den USA nicht schwer, solange "der Glaube ehrlich und aufrichtig gelebt wird". Eine Steilvorlage für Oliver: Er gründete einfach seine eigene Kirche. "Our Lady of Perpetual Exemption", zu Deutsch "Unserer Lieben Frau der ewigen (Steuer-)befreiung" heißt die Organisation, die er mithilfe eines Anwalts offiziell angemeldet hat. Souverän arbeitete er sich durch die Checkliste der Steuerbehörde. Regelmäßige Stätte der Anbetung? "Wir treffen uns jeden Sonntag in diesem TV-Studio!"

Und schon zelebrieren sie ihre TV-Messe, Oliver, bieder in senfgelbem Pullunder mit Krawatte, und Ko-Predigerin Wanda Jo, überschminkt in korallfarbenem Kostüm. "Bitte sendet uns Geld, echtes Geld, nicht Saatgut", sagt Wanda Jo. "Wenn ihr das tut, werden großartige Dinge geschehen. Ja, es ist legal, das zu sagen", ergänzt Oliver. Ein zwölfköpfiger Gospelchor tritt in den Raum und singt ein Halleluja auf die Show. Wenige Tage später haben Tausende Zuschauer Oliver lustige Briefe oder Säcke voller Saatgut geschickt. Lustig? Ja, aber nicht nur.

© SZ vom 31.08.2015/klf

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