Nachruf Feingeist vom Dienst

Beherrschte den Balanceakt zwischen Anspruch und Zuschauerzuspruch: Gunther Witte.

(Foto: imago)

Gunther Witte ist tot. Über den Erfinder der "Tatort"-Krimis, der mit weit mehr Produktionen glänzte.

Von Hans Hoff

Gunther Witte hat es knapp verpasst, sein Jubiläum. Im nächsten Jahr hätte sich nämlich zum 50. Mal jene Zeit gejährt, da er als junger WDR-Redakteur und -Dramaturg im Auftrag seines Abteilungsleiters Günter Rohrbach über die Entwicklung eines neuen Krimiformats nachdachte und auf die, wie man heute weiß, sehr nachhaltige Idee kam, die Mördersuche regional zu verankern, mit verschiedenen, über die Republik verteilten Schauplätzen und verschiedenen Kommissaren. Ein Jahr später, am 29. November war es dann so weit. Da lief "Taxi nach Leipzig", der erste Tatort. Fortan galt Witte als der Vater des Formats, und bald überstrahlte die von ihm geschaffene Marke sein sonstiges Wirken.

Dabei war Witte viel mehr als nur der Schöpfer einer einzigen Reihe. Der studierte Theaterwissenschaftler galt als Motor bei vielen Produktionen, die den Ruf des WDR als großer Produzent von Kino- und Fernsehfilmen festigten. Er war an der Erstellung von Volker Schlöndorffs Die verlorene Ehre der Katharina Blum ebenso beteiligt wie an Rainer Werner Fassbinders Berlin Alexanderplatz. Mit Wolfgang Petersen arbeitete er anDie Konsequenz, und mit Bernhard Wicki schrieb er zusammen am Drehbuch zu dessen Film Die Eroberung der Zitadelle.

Im Jahre 1979 wurde der im lettischen Riga geborene Witte Leiter der Fernsehspielabteilung und blieb dies bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1998. Drei Jahre später wurde er für sein Schaffen beim Grimme-Preis geehrt, und 2013 bekam er sogar einen Bambi.

Wer Witte begegnete, war schnell fasziniert von seiner Eleganz im Auftreten, von seiner höflichen, leisen Art, die aber niemals darüber hinwegtäuschen durfte, dass da jemand sehr genau wusste, was zu tun war. Und genau das tat er dann auch. Witte setzte auf Qualität, auf Anspruch, war sich aber auch nicht zu schade, so etwas wie die Lindenstraße mit auf die Schiene zu setzen. Er wusste, dass der Weg zum Erfolg eben manchmal auch über den schmalen Grat zwischen Anspruch und Zuschauerzuspruch führen musste, machte aber immer unmissverständlich klar, welche Seite ihm die liebere war.

Wer Gunther Witte nach seiner Pensionierung zu sich einlud, konnte sicher sein, immer einen guten Redner bei sich zu haben. Startete der einmal durch, war er kaum mehr zu bremsen. Wie auch bei alldem, was Witte an Erlebten aus 35 Jahren WDR zu bieten hatte. Gemeinsam mit Günter Rohrbach und dem früheren ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke bildete Witte lange so etwas wie ein Triumvirat der cineastischen Weisheit im deutschen Fernsehen, weil sich alle drei nicht festkrallten an Vergangenem, sondern hellwach all die aktuellen und kommenden Entwicklungen verfolgten.

So war Witte Stammgast beim Fernsehfilmfestival Baden Baden. Er beobachtete sehr genau, was dort geboten wurde und stand in den Pausen jedem gerne als streitbarer Diskutant zur Verfügung. Dabei wirkte er auf besondere Art alterslos, weil sein neugieriger Geist stets von innerer Wachsamkeit zeugte. Als Feingeist vom Dienst stand der große Opernliebhaber, der noch kürzlich in Bayreuth war, für die perfekte Verbindung dessen, was früher gut war und dem, was noch gut werden konnte, sollte, musste.

Im Alter von 82 Jahren ist Gunter Witte am Donnerstag in Berlin gestorben.