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Nachrichtenagentur:Abseits des Rampenlichts

Erhard-Rede als Lochstreifen-Umhang

Die erste Regierungserklärung von Bundeskanzler Ludwig Erhard 1963 war so umfangreich, dass man vor lauter Lochstreifen die Fernschreiberin kaum sah.

(Foto: Kurt Rohwedder)

Die dpa ist auch 70 Jahre nach ihrer Gründung der Schrittmacher des deutschen Journalismus. Und erschließt gerade ein neues Geschäftsfeld.

Für eine Durchquerung des Berliner Newsrooms der Deutschen Presse-Agentur (dpa) muss man ein bisschen Zeit mitbringen. Immer, wenn man denkt, jetzt ist aber Schluss, geht es weiter, 153 Meter lang, vorbei an mehr als 270 Schreibtischen. Dpa-Chefredakteur Sven Gösmann hat schon darüber nachgedacht, sich einen Roller anzuschaffen, sagt er.

Der Weg lohnt sich jedenfalls auch zu Fuß, weil man einen ganz guten Überblick über das bekommt, was die dpa im siebzigsten Jahr ihres Bestehens so alles treibt. Rechter Hand die Kollegen, die für das ZDF und RTL den Videotext bestücken. Nur ein paar Meter weiter: das "Radar-Team", das mit speziellen Programmen Trends und Themen in den sozialen Medien identifiziert. "Hier holen wir das Netz ab", sagt Gösmann. Links geht es zu den Tonstudios, in denen Nachrichten für Sender in allen Ecken der Republik eingesprochen werden - ein Zettel über dem Mikro erinnert daran, die Hörer von Antenne Bayern nicht mit "Moin, moin" zu begrüßen. Weitere Stopps: die internationalen Angebote auf Englisch, Arabisch und Spanisch; die News für Kinder; der lebensnahe "Themendienst", der Tipps und Tricks fürs Tapezieren oder Baumschneiden gibt.

"Wir sind ja bei der dpa immer schon Faktenchecker gewesen. Das war und ist unser Handwerk. Heute gibt es einfach mehr Kanäle als früher." - Stefan Voß, dpa-Faktenchecker

Am 1. September ist es genau siebzig Jahre her, dass die dpa ihre erste Meldung auf den Ticker gab, die Nachricht hatte durchaus Gewicht: "+++dpa1 (Inland) Deutsche Presse-Agentur nimmt Dienst auf+++". Die Villa im Hamburger Mittelweg, in der 1949 alles begann, ist immer noch der Geschäftssitz der dpa, auch wenn ihr journalistisches Herz inzwischen in Berlin schlägt. Unverändert ist nach sieben Jahrzehnten das Gründungsversprechen: bestmöglich belegte Nachrichten. Oder wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Festakt zum Jubiläum raspelte: "Fakten sind Fakten, wenn sie von dpa gemeldet werden."

Die dpa ist der Schrittmacher des deutschen Journalismus, als Vollanbieter unangefochten seit dem Ende der dapd 2013. Dennoch verrichten ihre gut 1000 Redakteure ihre Arbeit abseits des Rampenlichts. Sie müssen damit leben, dass vielen Lesern und Zuschauern ihre Rolle nicht bewusst ist. An 54 Standorten in Deutschland und 94 im Ausland produzieren sie etwa 3300 Artikel am Tag, von der Eilmeldung bis zur Reportage, dazu 1200 Fotos, 25 Videos und Multimedia-Pakete, zur Einbettung in Webseiten und Apps. Die dpa versendet auch Termin- und Themenübersichten, auf die ihre Kunden, darunter die SZ, ihre eigene Berichterstattung bauen können. Stets gilt das "Agenturprivileg": Die Abnehmer müssen dpa-Meldungen nicht prüfen; wenn etwas nicht stimmt, trägt die Agentur die Verantwortung.

Verantwortung bedeutet Druck, und der Druck wird durch die sozialen Netzwerke immer größer. "Wenn ein Schauspieler oder Sänger stirbt", erzählt Chefredakteur Gösmann, "bekommen wir auch mal von Kunden zu hören: Im Internet steht das schon längst, warum habt ihr das noch nicht?" Dann gelte es, gelassen zu bleiben und zu sagen: "Wir gehen sicher, dass es stimmt. Wir haben da das Notariat." Der Wettbewerb der Agenturen ist ein Duathlon in den Disziplinen Korrektheit und Tempo, auch bei der dpa erinnert man sich noch heute gern alter Triumphe: 22. November 1963, noch vor allen US-Konkurrenten kabelt die dpa: "Kennedy tot". Ein halbes Jahr später war die dpa wieder die Erste, die den Tod Nikita Chruschtschows meldete - ungünstigerweise erfreute sich der sowjetische Staatschef jedoch bester Gesundheit. Der Moskau-Korrespondent der Agentur wurde für ein halbes Jahr des Landes verwiesen. Zu runden dpa-Geburtstagen werden auch stets die hübschesten, oft überhöhter Geschwindigkeit geschuldeten Rechtschreibfehler herausgekramt, was natürlich auch an dieser Stelle nicht unterbleiben soll: "Rebell bei Scheißerei mit Armee auf Fidschi getötet", so was. Es war das Jahr 2000, es waren vergleichsweise unschuldige Zeiten.

Die zur Überhitzung neigende Twitter-Welt hat das Geschäft verändert. "Nachrichtenagenturen haben das Privileg verloren, die Ersten zu sein", sagt Gösmann. "Wenn der Fußballer Mats Hummels den Verein wechselt, twittert das sein Agent." Den Agenturen blieben aber weiterhin Aufgaben genug: das Verifizieren von Nachrichten und das Einordnen. Mit dieser Kernkompetenz versucht die dpa nun auch neue Geldquellen zu erschließen, was sie mittelfristig durchaus nötig hat.

Die Gesellschafter der dpa sind mehr als 180 Medienhäuser, vor allem Verlage. Die Zeitungen bezahlen nach Auflage, die Auflage sinkt fast überall. Ihren Journalismus subventioniert die dpa etwa mit dem hauseigenen PR-Dienstleister "News aktuell". Und seit diesem Frühjahr auch mit einer Kooperation, die in der Branche Aufsehen erregt und Fragen aufgeworfen hat. Facebook kauft bei der dpa sogenannte Faktenchecks ein: Die dpa-Rechercheure sollen Behauptungen, die Nutzer bei Facebook aufstellen, prüfen und gegebenenfalls widerlegen. Kritiker werfen der Agentur vor, sich Facebook als Feigenblatt anzudienen - der Konzern könne die Verantwortung für Fake News bequem abwälzen. Manche fragen auch, ob die dpa über Facebook noch kritisch berichten könne, wenn sie jetzt doch dessen Partner sei. Chefredakteur Gösmann versichert: "Unsere Unabhängigkeit ist unser größtes Gut."

Facebook, betont Stefan Voß, der Leiter des dpa-Verifikations-Teams, könne nicht vorgeben, welche Posts er und seine Leute einem Faktencheck unterziehen: "Wir nehmen uns das vor, was wir für gesellschaftlich relevant halten." Außerdem würden die Checks nicht exklusiv für Facebook erstellt, sondern auch anderen Kunden zugänglich gemacht. Voß klappt sein Notebook auf und zeigt die Internetseite der Deutschen Bahn. Oder? Bei genauerem Hinsehen handelt es sich um "deutsche-bahn.ag", das "ag" steht für den Inselstaat Antigua und Barbuda. Die Seite tauchte im Netz auf, kurz nachdem ein ursprünglich aus Eritrea stammender Mann in Frankfurt eine Mutter und ihren Sohn vor einen Zug stieß. In einem kurzen Video erklärt ein angeblicher Bahn-Sprecher, dass doch alles ganz prächtig sei und man Zwischenfällen künftig mit "interkulturell geschultem" Personal vorbeugen werde. Voß kann mit einem Programm zur Foto-Rückwärtssuche zeigen, dass es sich bei dem angeblichen Bahn-Mitarbeiter um einen Mann handelt, der bei Aktionen der rechten Identitären Bewegung dabei war. Unter den Facebook-Post kommt nun der Hinweis "Fälschung" und der Link zum ausführlichen Faktencheck.

Drei Vollzeitkräfte hat das Faktencheck-Team, viele weitere dpa-Redakteure werden gerade technisch geschult. Klar, sagt Stefan Voß, man könne nur einen Bruchteil der Posts bei Facebook prüfen. Aber wenn etwas erst einmal widerlegt sei, würden es viele Nutzer auch löschen.