Nachlese zum "Tatort: München":Es schmerzt beim Hinschauen

Lesezeit: 2 min

Tatort; Tatort Das verkaufte Lächeln BR

Wusste von den Aktivitäten ihres Sohnes "schon eine Weile": Mutter Marina Hof (Katharina Marie Schubert).

(Foto: BR/Erika Hauri)

Sie wollen mitreden über den "Tatort"? Hier erfahren Sie, was die Kommissare Leitmayr und Batic mit Ernie und Bert gemein haben und warum man bei ihrem aktuellen Fall das kalte Kotzen bekommen könnte. Die Nachlese zum Münchner "Tatort" - mit den besten Zuschauerkommentaren.

Von Matthias Kohlmaier

Darum geht's:

Ein Junge wird am Isarufer tot aufgefunden. Ihre Ermittlungen führen die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) zu einer Gruppe von Teenagern, die sich gegen Bezahlung und Geschenke vor ihren Webcams für Fremde ausziehen. Am Ende geht es aber viel weniger um Triebe, als um Liebe und Eifersucht.

Lesen Sie hier die Rezension von SZ-Tatort-Kritiker Holger Gertz:

Bezeichnender Dialog:

Die Kommissare verhören eine Mutter, deren Sohn sich für zahlende Kunden auszieht.

Mutter: Die Jungs in der Schule haben ihn ausgelacht, weil er die falschen Turnschuhe anhatte. Ich kann das echt gut verstehen, das ist wirklich scheiße! Irgendwann hat er dann andere Klamotten gehabt, hat behauptet, dass er das Geld mit Autowaschen verdient hat, und das hab ich ihm auch geglaubt. Bis ich ihn ...

Leitmayr: Ja, ja. Haben Sie eine Ahnung, woher er die Idee hatte?

Mutter: Naja, Tim war das. Tim hat ihm das alles gezeigt. Wie man leicht Geld verdient, so hat er das sogar genannt. Als ob das ein normaler Job ist wie meiner.

Batic: Wie lang wussten Sie schon davon?

Mutter: Weiß ich nicht, nicht so lange. Schon eine Weile.

Die beste Szene:

Beste Szenen sind bei einem Film über ein so schwer fassbares Thema immer die besonders eindrücklichen, die, die beim Hinschauen weh tun. Ein junges Mädchen räkelt sich in ihrem Kinderzimmer vor einer Webcam. Schmollmund, ihre Unterwäsche ist zu sehen. Am anderen Ende der Leitung sitzt vermutlich ein viel älterer Mann und gibt Kommandos. Jeder Zuschauer, der eine Tochter, eine Freundin oder auch einfach nur ein ganz kleines bisschen Moral im Leibe hat, muss da das kalte Kotzen kriegen.

Die besten Zuschauerkommentare:

Top:

Jugendliche Darsteller im Tatort sind sehr oft sehr unglaubwürdig. Da wirkt gerade das Schicksalhafte besonders gespielt, der Schmerz der Filmfigur aufgesetzt. Nino Böhlau und Anna-Lena Klenke aber spielen die Teenager, die sich für Geld ausziehen, hässlich real. Die Trauer in den wenn nicht toten, dann zumindest wenig lebendigen Augen, sie fließt nur so durch die Kamera. Chapeau!

Flop:

Die tolle Lisa Wagner spielt mittlerweile im dritten Münchner Tatort die Leiterin der Operativen Fallanalyse, Christine Lerch. Als augenscheinlich nüchterner Widerpart zu den Ermittlern vorgesehen, ist die Rolle aber noch kaum in das bestehende Team integriert. Dabei hätte sie das Potenzial, das stimmige Setting um eine neue Facette zu bereichern.

Die Schlusspointe:

"Keiner kommt hier lebend raus", soll Jim Morrison, Sänger von The Doors, mal im Drogenrausch Richtung Publikum gebrüllt haben. Am Ende der Geschichte von "Das verkaufte Lächeln" kommen zwar die meisten Protagonisten mit dem Leben, aber kaum einer ohne Schuld und schon gar keiner ohne Narben davon; körperliche und seelische.

Die Erkenntnis:

Der cholerische Batic und der überlegte, ab und an etwas phlegmatische Leitmayr passen einfach wunderbar zusammen. Wie Ernie und Bert, Täter und Opfer, süßer Senf und Weißwurst. Und das darf auch nach nunmehr 69 gemeinsamen Folgen gern noch eine Weile so bleiben.

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