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Nachlese zum "Tatort" Luzern:Nichts wird wieder gut

Tatort Luzern: "Schutzlos"

Zarter Moment in einem harten Tatort: die Flüchtlinge Navid (Rauand Taleb) und Jola (Marie-Hélène Boyd)

(Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler)

Ein "Tatort" zum Thema Flüchtlinge. Die Schweizer Episode "Schutzlos" will kein Krimi sein - sie will wehtun.

Von Johanna Bruckner

Darum geht es:

Um das Thema Flüchtlinge. Dieser Tatort aus Luzern soll wehtun, das macht schon der Titel deutlich: "Schutzlos". Und er soll jene piesacken, die da in der Sicherheit ihres Wohnzimmers sitzen und aktuell keine andere Sorge haben als das Fernsehprogramm. Mit Schweizer Langsamkeit geht es los. Der junge Nigerianer Ebi West wird erstochen aufgefunden, er hatte Verbindungen ins Drogenmilieu. Für den neuen Chef von Reto Flückiger und Liz Ritschard ist der Fall klar: ein typischer Mord im Asylantenmilieu, bloß nicht mehr Ressourcen verwenden als unbedingt nötig. Doch die Schweizer Kommissare ermitteln - und werden hineingezogen in eine Welt der Hoffnungslosigkeit.

Lesen Sie hier die Rezension von SZ-Tatort-Kritiker Holger Gertz

Bezeichnender Dialog:

Flückiger und Ritschard werden bei ihrem neuen Chef vorstellig, Polizeikommandant Eugen Mattmann. Sie wollen, dass mehr Leute auf die Mordermittlungen angesetzt werden.

Mattmann: Seid ihr wahnsinnig, Flückiger!? Ich kann doch nicht die ganze Luzerner Polizei abkommandieren, um da Räuber und Gendarm zu spielen. Ich wünsche ausdrücklich, dass ihr den Ermittlungsaufwand gering haltet. Der Asylant ist ja schon abgewiesen worden und untergetaucht. Also aus den Akten aussortiert und somit amtlich gar nicht mehr existent.

Flückiger: Natürlich existiert der! Kommen Sie doch mal mit in die Pathologie!

Mattmann: Nehmt doch lieber das Asylzentrum auseinander, dann findet ihr euren Drogenboss.

Flückiger: Fragen Sie lieber mal Ihre Fachleute von der Drogenfahndung. Die glauben nämlich nicht an Ihre Theorie, sondern an unsere.

Ritschard: Schauen Sie, Herr Mattmann: Wir glauben, dass unser Opfer von seinem Drogenboss ermordet worden ist. Und um den Drogenboss zu schnappen, müssen wir seine Händler observieren. Und wär' das nicht hübsch für Sie, in Ihrem neuen Job als Polizeikommandant, wenn Sie als erstes mal 'nen dicken Fisch einlochen könnten, mit ein paar Kilo Kokain?

Mattmann: Also gut. Aber minimaler Ermittlungsaufwand! Nur das Allernötigste. Alle Menschen sind gleich, aber ein paar sind eben gleicher. So ist das leider, Flückiger.

Die besten Zuschauerkommentare:

Die beste Szene:

Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling. Das macht ein Gespräch zwischen Jola, der Schwester des Mordopfers, und dem jungen Migranten Navid deutlich.

Navid: "Let's go to the police - they will help you." Jola: "They will help me? What do you know? You're educated, good with words. Switzerland will let you stay here. But me? A stupid girl from Nigeria. What do you think the police will do to me?" - Navid: "Ebi was a criminal, he got what he deserved. Aber ich weiß, dass du nix getan hast. Ich weiß es." - Jola: "Oh you ... (streicht ihm über die Wange) what do you know, he?"

Top:

Dieser Schweizer Tatort will kein Krimi sein. Und schon gar keine leicht verdauliche Sonntagabendunterhaltung, die mit Günther Jauch schon wieder vergessen ist. Er prangert das Klischeedenken beim Thema Flüchtlinge an, führt die technokratisch-unbarmherzige Argumentation von Asylgesetzen vor. Und verfällt dabei manchmal selbst in Stereotypisierung. Streckenweise ist dieser Tatort wie ein laut quengelndes, nerviges Kind. Alles für die Botschaft: Hört auf, so zu tun, als ginge euch das alles nichts an! Hört auf, den Schwächsten die Schuld an ihrem Schicksal zu geben! Hört auf, eure eigenen kleinen Wohlstandsängste zu pflegen!

Flop:

Ein schrilles Pfeifen, wirre Bilder, Sprachfetzen - Kommissar Flückiger wird von Migräneattacken geplagt. Aber wenn es darauf ankommt, dann erspäht er auch noch auf der Autorückbank liegend einen mutmaßlichen Verdächtigen und setzt zur Verfolgung an. Unglaubwürdig? Ja, und unnötig.

Bester Auftritt:

"Schutzlos" ist harter Stoff. Aber ein bisschen Heldenhaftigkeit und Romantik gibt es doch: Rauand Taleb als Flüchtling Navid gibt dieser Episode zarte Momente. Auf ein Happy End darf der Zuschauer trotzdem nicht hoffen.

Die Erkenntnis:

Wer vor diesem Tatort nichts wusste über die Asylpolitik der Schweiz, weiß nach 88 Minuten: Es ist eine Politik der gnadenlosen Abschottung. Oder wie es der fiktive Herr Eisenring vom Bundesamt für Migration formuliert: "Asylgesetz, Artikel sieben, Absatz eins und zwei: 'Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaften nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die Flüchtlingseigenschaft, wenn die Behörde ihr Vorhandensein mit überwiegender Wahrscheinlichkeit für gegeben hält.' Tja, und die Behörde - das sind halt wir."

Die Schlusspointe:

"It's going to be okay", sagt Kommissarin Ritschard am Ende zur verletzten Jola. Aber manchmal wird nichts wieder gut. Es geht genauso schlimm weiter.

© SZ.de/aper/rus
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