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Nach Mitternacht in Tokio:Stunde der Sehnsüchtigen

Midnight Diner: Tokyo Stories
Staffel in Deutschland ab 20. Oktober 2016 17:00 CEST

"Der Meister" (Kaoru Kobayashi) ist Kellner, Koch und Beichtvater für Sünden und verbotenen Wünsche.

(Foto: Netflix)

In der großartigen japanische Serie "Midnight Diner" treffen sich gestrandete Menschen in der Bar des "Meisters" und gestehen ihre vielen Sünden und verbotenen Wünsche.

Von Harald Hordych

Japan kennt man vermeintlich gut, weil man seine Klischees gut kennt. Blitzsaubere Städte, superpünktliche Züge. Unterm Strich steht das Bild einer hochfunktionalen, auf Effizienz getrimmten Gesellschaft mit wenig Platz für Spontanität und viel Sinn für Kontrolle. Der chaotische Japaner, der sich gehen lässt, ist im freien Spiel des Halbwissens eine unbekannte Größe.

Aber es gibt natürlich ein Japan, das voller Menschlichkeit und Widersprüche steckt, das Sinnlichkeit, Gier, Hoffnung und Verzweiflung offenbart. Schauplatz für die wahren Gefühle und Sehnsüchte ist eine winzige Bar im Herzen von Tokios Ausgeh- und Amüsierviertel Shinjuku, die von einem Mann betrieben wird, den alle nur "Meister" nennen. Der Midnight Diner hat von Mitternacht bis 7 Uhr morgens geöffnet, zu der Zeit also, wenn die Getriebenen, Einsamen und Lebensgierigen keine Ruhe finden.

Warum wollte man all diese verlorenen Seelen eigentlich so intim kennenlernen? fragt man sich manchmal, während man sich immer mehr in diese Serie eingroovt und bange schaut, wie viele dieser kurzen wertvollen Folgen es denn noch sind. Aber was heißt hier wollen? Man hat sie einfach gefunden. Durch Zufall unter den vielen versteckten Serien und Filmen, die nicht unter den Top-Angeboten der Homepage angepriesen werden.

Wer bei dem magischen Titel Midnight Diner an Edward Hoppers "Nighthawks" denkt, den führt das geradewegs in die Sackgasse der falschen Erwartungen: Bei Hopper sitzen die Einsamen in einem kalt designeten Glaskasten, jeder kann sie von draußen sehen, die von vielerlei existenziellen Ungemach gezeichneten Berühmtheiten, wie eingefroren in ihrer stummen Isoliertheit. Genau das ist Midnight Diner nicht. Die schummrig beleuchtete Gaststätte besteht nur aus einem kleinen höhlenartigen Raum, der ganz von der umlaufenden Theke ausgefüllt ist. Wer eintritt, sitzt praktisch schon, immer mit dem Gesicht zum Wirt, der alles gleichzeitig ist, Gastgeber, Koch und Kellner, vor allem aber ein geduldiger Zuhörer und irgendwann zwangsläufig auch so etwas wie ein vorurteilsfreier Beichtvater für all die Sünden und verbotene Wünsche.

Jeder Gast bringt seine Geschichte mit an die Bar, allein ist man dort nie

Die scheue Ehefrau, die einziges Mal als Sexfilmdarstellerin gearbeitet hat und nun nach vielen Jahren einen Darsteller von damals ausgerechnet an der Seite ihres Mannes wiedertrifft. Der Mann, der mal ein Sport-Idol war, an diesem Bild aber fast zerbricht, weil er ihm, je älter er wird, einfach nicht mehr genügt. Der lausige Neffe, der die mütterliche Liebe seiner Tante penetrant ausnutzt, die aber diese korrumpierte Liebe der Einsamkeit vorzieht. Die junge Frau, die jedem ihrer neuen Angebeteten immer einen Pullover strickt und die Männer mit dieser überbordenden Geste in die Flucht zwingt. Der Spielsüchtige, der alle Gäste bei jedem Coup zum Essen einlädt, der berühmte Comiczeichner, der zum Alkoholiker geworden ist, weil ihm die Ideen ausgegangen sind - für jede Geschichte ist etwas mehr als 20 Minuten Zeit, hier an der Theke des Meisters, seit 2009 gespielt von dem populären Kaoru Kobayashi.

Jede Folge trägt den Titel des Gerichts, das sich der Nachtschwärmer auswählt. Kleine Schlaglichter der Wirrnisse des Lebens sind die abgründigen Geschichten im Midnight Diner, überraschend direkt und unverblümt erzählt, nie prüde, nie verklemmt vielleicht, weil stets Alkohol im Spiel ist, und zu später die Stunde die Wahrheit ohne Heimlichtuerei auf die Theke gelegt wird.

Am Ende gelingt Midnight Diner, diesem berückend erzählerischen Kleinod, fast immer mit verblüffender Sicherheit die Balance zwischen echter Tragik und komischer Verzweiflung - zwischen einer Art Kitsch, der über die Trivialität hinausgeht, und der unstillbaren Sehnsucht nach dem Happy End, das es oft nicht gibt, aber vielleicht doch hätte geben können. Der Schmerz schimmert immer durch, genau wie die Hoffnung, dass es das Leben doch noch gut mit einem meinen könnte. Wenn nicht an diesem Abend, dann vielleicht am nächsten oder übernächsten. Und am Ende winken alle immer lächelnd in die Kamera.

Allein ist man im Midnight Diner jedenfalls nie, weil fast jeder Gast, der für 20 Minuten die Hauptperson war, zum Stammgast wird, und dann seine Kommentare dazu abgibt, wenn das Leben wieder eine seiner seltsamen Kapriolen schlägt.

Midnight Diner ist ein wahres Serien-Wunderwerk. Leider wurden erst Staffeln vier und fünf von Netflix produziert und sind beim Streamingdienst mit deutschen Untertiteln verfügbar, die ersten drei Staffeln hütet Japan noch wie ein Geheimnis, das darauf wartet, gelüftet zu werden. Gerne nach Mitternacht.

Midnight Diner, bei Netflix.

© SZ vom 15.06.2020
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