bedeckt München 15°

Nach Führungswechsel:Sparkurs beim "Spiegel"

Die Redakteure des Nachrichtenmagazins aus Hamburg lebten früher recht sorglos. Nun muss auch der "Spiegel" sparen - und tut das: Das Budget wird bis 2017 um 15 Millionen Euro gekürzt.

Von Peter Burghardt

Früher, als Journalismus noch eine recht sichere Bank war, gab es beim Spiegel und seinen Lesern beruhigende Gewissheiten. Das Hochhaus des Nachrichtenmagazins mit seiner wunderbaren Kantine stand an der Hamburger Brandstwiete, das Heft erschien montags, und jedes Jahr wurde unter den Mitarbeitern ein herrlicher Bonus verteilt. Jeden Wochenbeginn verriet man der Republik seine aktuellen Rechercheerfolge und teilte mit, was wie zu debattieren sei. Krisen ereigneten sich ja gewöhnlich jenseits der eigenen Büros.

Manches hat sich unterdessen ein wenig verändert, was nicht nur damit zu tun hat, dass die Redaktion in ihr neues Hafengebäude umgezogen ist und seit Anfang 2015 am Samstag auf den Markt kommt.

Die Personalfragen sind geklärt, jetzt sorgen schlechte Zahlen für Ärger

Jetzt steht ein gravierender Generalumbau an, "zur Sicherung des wirtschaftlichen Erfolgs und der Unabhängigkeit des Spiegel", wie es heißt. Oder anders gesagt: Es muss radikal gespart werden. Dabei ist eine andere Baustelle, der Streit um die Chefredaktion und deren Ideen, nach zähem Machtkampf gerade erst überstanden: im Januar folgte Klaus Brinkbäumer als Chefredakteur Wolfgang Büchner nach und Florian Harms leitet nun Spiegel Online. Der preisgekrönte Reporter Brinkbäumer wird anders als sein Vorgänger von der Belegschaft sehr geschätzt, unter seiner Leitung kommt der Spiegel wieder auffällig interessant daher. Doch dafür gibt es künftig weniger Geld: 15 Millionen Euro sollen bis 2017 gespart und neue Einnahmequellen erschlossen werden.

Spiegel-Agenda 2018 nennt sich das Programm, das Brinkbäumer und der neue Geschäftsführer Thomas Hass am Mittwoch vorstellten. Es klingt nach Schröders Agenda 2010, in deren Folge neben der Wirtschaft auch die Zahl der Empfänger von Hartz IV wuchs. Es geht um die Verwandlung eines Verlags, der bisher vor allem von Spiegel, Spiegel Online und Spiegel TV lebt. Vorgesehen sind 15 Projekte: Dazu gehören ein im Detail noch unbekanntes Bezahlmodell bei Spiegel Online sowie eine "digitale Abendzeitung".

Brinkbäumer hat sich in den USA angesehen, wie zum Beispiel die New York Times mit Bezahlmodellen die Wende geschafft hat. "Wir wollen ein modernes, multimediales Unternehmen werden", sagt er. Und dennoch: "Wir glauben explizit an den Spiegel." Die Angestellten wurden bei einer Betriebsversammlung über Sparkurs und Entwürfe informiert. Jeder weiß, dass es eng geworden ist. Anderen Medienhäusern geht es noch viel schlechter, seit das Internet so dominant geworden ist.

Spiegel Online und der digitale Spiegel legten zu, können jedoch die Gesamtbilanz nicht retten: Der Umsatz sank seit 2007 um 19 Prozent von 353 Millionen Euro auf 285 Millionen Euro; der Gewinn um 48 Prozent von 48 auf 25 Millionen Euro. Der Erlös aus den Printanzeigen gab seit dem Jahr 2000 um mehr als zwei Drittel nach, und die Auflage rutschte deutlich unter eine Million Exemplare. Ginge es so weiter, dann stünden irgendwann rote Zahlen in der Bilanz. Das soll der Strategiewechsel verhindern.

Der Spiegel steht dabei wie die Konkurrenz vor der Frage, wie mit aufwendiger und teurer Berichterstattung dauerhaft Geld verdient werden kann. "Wir werden alles prüfen", verkündet Hass. Solche Sätze klingen auch nach Stellenkürzungen; derzeit werden 727 Mitarbeiter beschäftigt. Hass versichert, das Konzept sei mit den Gesellschaftern, der Mitarbeiter-KG, Gruner+Jahr und der Familie Augstein beschlossen worden: "Alle sind bereit, Opfer zu bringen." Die wunderbaren Ausschüttung sind wohl bald nur noch eine schöne Erinnerung.

© SZ vom 18.06.2015/jobr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite