Murdoch präsentiert Zeitung für das iPad Die Zukunft im Museum

Verleger Rupert Murdoch stellt in New York die erste digitale Tageszeitung für den Apple-Kleincomputer vor. Mit HD-Videos und 360 Grad-Fotos wollen die Macher die Konkurrenz hinter sich lassen. Die größte Hürde: Die User sollen dafür bezahlen.

Von Jörg Häntzschel

360-Grad-Fotos, HD-Videos wie aus dem Fernsehen und personalisierte Nachrichten: Das sind einige der neuen Möglichkeiten, mit denen sich Rupert Murdochs neue iPad-Zeitung The Daily gegen die etwa 9000 anderen Nachrichten-Apps durchsetzen will. "Neue Zeiten verlangen nach einem neuen Journalismus", sagte Murdoch bei der Präsentation der ersten digitalen Tageszeitung an diesem Mittwoch im New Yorker Guggenheim-Museum. "Das iPad zwingt uns, unser Handwerk ganz neu zu erfinden", proklamierte er und sprach von einer "digitalen Renaissance".

Der ungewöhnliche Ort und die großen Worte waren nur einige der Indizien dafür, wie hoch Murdoch pokert. Ein anderer Hinweis sind die bloßen Zahlen: 30 Millionen Dollar will Murdoch in das neue Unternehmen investieren. 100 Journalisten hat er eingestellt. Dabei konkurriert The Daily nicht nur mit Angry Birds und dem Rest der bunten Unterhaltung auf dem iPad, wie Craig Daily, einer der Verantwortlichen, sagte.

Er sieht die Konkurrenz vor allem bei den Myriaden von Nachrichtenquellen im Internet - und das, obwohl The Daily dort gar nicht verfügbar sein wird: Die Zeitung wird nur auf dem iPad zu lesen sein, nicht auf Papier, nicht online, nicht einmal auf Smartphones. Und, vielleicht die größte Hürde: Die Leser sollen dafür zahlen. 99 Cent fürs Wochen-Abo oder 39,90 Dollar im Jahr. Hoch sind diese Beträge nicht. Aber in den USA, wo die allermeisten Zeitungen und Zeitschriften noch ihre letzten Artikel kostenlos im Netz verfügbar machen und mit Multimedia-Angeboten anreichern, werden auch diese Summen viele irritieren.

Es gebe viele Menschen, die keine Zeitung lesen, keine TV-Nachrichten sehen, aber online dennoch eifrig News konsumieren, sagte Murdoch. Für die sei The Daily gedacht. Um die Zielgruppe zu gewinnen, will der Chefredakteur , Jesse Angelo, mediale Formen mischen wie nie zuvor: "Schaut euch Ägypten an", sagte er bei der Premiere: "Wir fragen uns: Wie können wir diese Geschichte am besten erzählen? Mit Fotos, Video, Text? Wir bringen nicht einfach das Erbe des Printjournalismus auf eine neue Plattform."

"Bald werden wir auf allen Tablet-Computern sein"

Alle weiteren Fragen zum journalistischen Selbstverständnis von The Daily beantwortete er aber nur mit Allgemeinplätzen: "Wir wollen die Leser zum Nachdenken bringen und zum Lachen, wir wollen ein bisschen aggressiv sein und auch mal arrogant." Auch zur politischen Position des Projekts gab es keine Auskünfte. "Hey, lest einfach unsere Kommentare", rief Angelo. Dabei ist die Frage sehr berechtigt: Rupert Murdoch bedient mit seinem TV-Kanal Fox News, dem Krawallblatt New York Post und dem Wall Street Journal flächendeckend die rechte Hälfte des amerikanischen Publikums.

Zumindest Apple, dessen Chef Steve Jobs bekannt ist für seine politisch liberale Haltung, scheint keine Probleme mit Murdochs Agenda zu haben. Jobs selbst war gesundheitshalber verhindert, aber Eddy Cue, einer seiner Vizepräsidenten, stand im Guggenheim auf der Bühne und war voll des Lobes über die Kooperation.

Diese wiederum ärgert viele andere Verlage, die Apple seit Monaten erfolglos beknien, Abo-Modelle auf dem iPad zuzulassen - eine Bedingung für den Erfolg ihrer Apps. Für The Daily hat der Konzern nun den roten Teppich ausgerollt. Monatelang bastelten Vertreter beider Firmen gemeinsam an der App und entwickelten das Bezahlmodell, das alle anderen auch gerne hätten. Allerdings machte Cue den Verlegern vage Hoffnung: "Sie werden zu diesem Thema in Kürze eine Ankündigung von uns hören."

Obwohl The Daily "dieses, vielleicht auch nächstes Jahr" nur auf dem iPad zu lesen sei, werde die Exklusivität irgendwann enden, sagte Murdoch: "Früher oder später werden wir auf allen Tablet-Computern sein." Apple hat bisher etwa 15 Millionen iPads verkauft und hat derzeit einen Marktanteil von etwa 75 Prozent aller Tablet-Rechner.

Vage blieb Chefredakteur Angelo, was die Aktualität von The Daily betrifft. Zwar sagte er, die Ausgaben würden über den Tag hinweg immer wieder aktualisiert. Allerdings bekommt der Leser das nur mit, wenn er sich die jeweils neue Version herunterlädt - eine Schwäche, die Angelo mit einem Kommentar herunterspielte, der das an sich wichtigste Gesetz der Online-Nachrichten ignoriert: "Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hasse es, wenn eine Nachrichtenwebsite alle fünf Minuten aktualisiert wird."

Einer anderen Realität des heutigen Medienkonsums haben sich die Macher von The Daily immerhin gebeugt. Obwohl nicht im Internet lesbar, werden die Artikel über Seiten wie Facebook oder Twitter verlinkbar sein.