Münchner "Tatort" Wenn es sein muss, dann eben im Rollstuhl

Kommissar Batic wurde angeschossen und liegt fiebernd im Krankenhaus.

(Foto: BR/X Filme/Hagen Keller)

Man kann "Tatort"-Ermittler in Routine versanden lassen. Oder nicht. Im Münchner "Tatort" etwa flüstert Leitmayr seinem Batic die schönste Liebeserklärung unter Kommissaren zu.

TV-Kritik von Holger Gertz

Das Publikum murrte und twitterte, als vor einem halben Jahr im Münchner Tatort "Die Wahrheit" ein Mörder auftrat, der einen Mann auf offener Straße abstach, aber schließlich nicht festgenommen und seiner Strafe zugeführt wurde. Ein offenes Ende mag die Mehrheit der Zuschauer nicht, am Schluss des Tatorts soll der Täter im Knast sein, ein Augenblick der Reinigung. Danach können alle unbelastet in die neue Woche starten.

"Der Tod ist unser ganzes Leben" spinnt alle Fäden so geschickt in die neue Handlung ein, dass auch derjenige etwas versteht, der den ersten Teil nicht gesehen hat. Die Episode ist keine Fortsetzung, sondern ein Folgestück. Wichtig ist zu wissen, dass damals Kommissar Batic der Witwe des Opfers erzählt hat, man habe den Täter. Eine Lüge, aber eine barmherzige: Batic wollte die verzweifelte Frau entlasten, erlösen. In diesem zweiten Teil jetzt sagt sie: "Eine Lüge ist manchmal die bessere Wahrheit." Womit die Brücke von damals zu heute sehr elegant geschlagen ist. Überhaupt bringen Regisseur Philip Koch und Autor Holger Joos (Idee: Erol Yesilkaya) ausgesprochen leichtfüßig das eine mit dem anderen in Berührung. Die Weiterentwicklung der einen Geschichte und zugleich die Neuerzählung einer anderen. Die Pflege der Krimihandlung und zugleich die Etablierung einer zweiten Ebene, einer leading idea. Im ersten Teil war Batic der fürsorgliche Lügner, im zweiten hat er sich offenbar verwandelt in den hinterhältigen Lügner, den Betrüger. Er scheint seinen Buddy hintergangen zu haben, den alten Leitmayr. Batic (Miroslav Nemec) liegt schließlich fiebernd im Bett. Leitmayr (Udo Wachtveitl) humpelt am Krückstock. Wie ein Veteran, der sich noch ein letztes Mal aufmacht.

Wenn etwas zerbricht zwischen zwei Menschen

Darf ein Vierteljahrhundert gemeinsamen Ermittelns so enden? Man kann Kommissare in Routine versanden lassen; im Tatort Ludwigshafen wird das regelmäßig vorgeführt. Die Münchner Regie macht es anders, ihr grauköpfiges Ermittlerpaar ist ihr Trumpf, denn die Zuschauer sind berührt davon, wenn etwas zerbricht zwischen zwei Menschen, die so lange alles gemeinsam gerockt haben.

Ein sehenswerter Tatort, wegen der Kommissare, wegen des Messerstechers Barthold (Gerhard Liebmann), dem der Zufall eine Zahl in den Lauf spielt, die 5 zum Beispiel. Dann zählt er auf fünf, denn der fünfte Mensch, der ihm begegnet, soll tot sein. Hochemotional ist dieser Film. Und irgendwann flüstert Leitmayr seinem Batic die schönste Liebeserklärung unter Kommissaren rüber: "Wenn's sein muss, schieb ich dich im Rollstuhl zum nächsten Tatort." Und das wirkt nicht mal peinlich.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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