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Münchner Filmfest:"Es wird mehr gewagt"

Ulrike Frick kuratiert beim Münchner Filmfest die Fernsehfilm-Reihe. Ein Gespräch über den Jahrgang 2019, einen guten Rat ihres Mannes, Experimente und die Auswirkungen des Serien-Booms.

Von diesem Donnerstag an schaut die TV-Branche auf dem Münchner Filmfest wieder in die (nahe) Zukunft. In der Sektion "Neues Deutsches Fernsehen" feiern 16 sehr unterschiedliche Produktionen ihre Weltpremiere, die in den kommenden Monaten ausgestrahlt werden und es aus Sicht von Kuratorin Ulrike Frick verdient haben. "Die Filme erzählen von alten Freundschaften, neuen Anfängen und letzten Chancen", heißt es zusammenfassend auf der Filmfest-Website. "Ihre Figuren bewegen sich in virtuellen Welten und an kriminellen Abgründen. Ausgangs- und Mittelpunkt ist dabei häufig die liebe Familie - mit all ihren Höhen und Tiefen." Seit 2007 ist Frick für die Auswahl verantwortlich; was sie dabei umtreibt, erzählt sie im Interview.

SZ: Frau Frick, wie viele Filme sichten Sie jedes Jahr?

Ulrike Frick: Als ich angefangen habe, die Reihe "Neues Deutsches Fernsehen" zu kuratieren, waren es weit über 100 Einreichungen. In anstrengenden Jahren sind es auch heute noch 90 bis 100, aber die Qualität ist gestiegen - auch weil sich in der Branche herumgesprochen hat, was ich suche und was nicht. Auch Pilcher-Filme und konventionelle Krimis haben ihre Daseinsberechtigung, aber nicht auf dem Filmfest. Gegenüber Pilotfolgen von Krimireihen, die ein Potenzial aufzeigen, bin ich ein wenig aufgeschlossener, dafür haben es die nachfolgenden Filme umso schwerer.

Hand aufs Herz: Und Sie gucken alle Einreichungen bis zum Abspann?

Ja, da bin ich schmerzfrei, auch wenn es natürlich Filme gibt, bei denen Zeitschriften um mich herum plötzlich eine ungeheure Anziehungskraft entwickeln. Bei dieser Kategorie von Filmen mache ich mir auch besonders ausführliche Notizen, um den Machern auf Nachfrage erklären zu können, aus welchen Gründen ich ihren Film abgelehnt habe. Aber die wenigsten melden sich und wollen das wissen. Ich habe maximal 16 Slots zur Verfügung, aber in manchen Jahren sind 20 und mehr Filme so gut, dass ich sie alle am liebsten zeigen würde. Anfangs habe ich mir die Mühe gemacht, zwei Arten von Absagen zu verschicken, entweder eine standardisierte oder eine individuelle, wenn es knapp war. Als mein Mann, der als Architekt bei Wettbewerben regelmäßig mit Zu- wie Absagen zu tun hat, das gesehen hat, meinte er zu mir: "Es gibt nur Ja oder Nein. Ein Fast-Ja gibt es nicht. Das ärgert die doch." Er hatte recht, daraufhin habe ich es gelassen.

Nachholbedürftig: In Der Sommer nach dem Abitur beschwören Ole (Fabian Busch), Alexander (Bastian Pastewka) und Paul (Hans Löw) ihre Vergangenheit.

(Foto: Frédéric Batier/ZDF)

Es scheint Ihnen schwerzufallen, sich im Auswahlprozess von Filmen zu trennen, die Sie eigentlich mögen.

Das kann man so sagen. Aber es ist notwendig. Die Verknappung hat die Reihe interessanter und relevanter gemacht. Es gab ja Zeiten, da liefen beim Filmfest 40 bis 50 Fernsehproduktionen, in irgendwelchen Kinos, oftmals praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber die Verknappung hat dazu geführt, dass ich manche Filme, die in der engeren Auswahl sind, bis zur endgültigen Entscheidung fünf Mal gucke. Mit denen gehe ich ins Bett und mit denen stehe ich wieder auf.

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Nach sehr ähnlichen Kriterien, nach denen Kritiker Filme beurteilen: Ist der Film plausibel, logisch, handwerklich gut gemacht, also spannend, wenn es spannend sein soll und lustig, wenn es lustig gemeint ist? Die entscheidende Frage ist letztlich, ob der Film in einem oder mehreren Aspekten über das Gewöhnliche hinausragt. Das können zwei besonders tolle Hauptdarsteller sein genau wie ein prägnantes Buch oder eine Form der Inszenierung, die den Film nachwirken lässt. Darüber hinaus ist auch nicht ganz unwichtig, wie sich der Film auf der großen Leinwand macht.

Was zeichnet den Jahrgang 2019 aus?

Dass es neben Routiniers wie Uli Edel und Rainer Kaufmann auch eine Menge junge Regisseure und vermehrt auch Regisseurinnen ins Programm geschafft haben. Das freut mich - auch wenn es bei der Auswahl keine Rolle spielt. Ich versuche immer, mir zunächst den Film anzuschauen und erst dann nachzugucken, wer hinter der Kamera beteiligt war.

Und inhaltlich?

Ich bemühe mich immer um ein möglichst breites Portfolio an Themen und Genres. In diesem Jahr wurden auffällig wenige Krimis eingereicht, das spiegelt sich in der Auswahl wider. Auch historische Stoffe, mit denen ich oft ein Problem habe, gibt es in diesem Jahrgang weniger als sonst.

Ulrike Frick, 48, gehört seit 2004 zum Filmfestteam, seit 2007 leitet sie die Fernsehfilm-Reihe. Zuvor studierte sie Alte und Neuere Geschichte sowie Theater- und Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalistin.

(Foto: Bernhard Schmidt)

Was ist Ihr Problem damit?

Nur weil der Kies unter den Sohlen knirscht und der Taftrock raschelt, ist ein Film kein guter. Und wenn der Enkelgeneration in Schnulzenform erzählt werden soll, was Oma und Opa im Krieg erlebt haben, stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Welche Themen sind in diesem Jahr besonders stark vertreten?

Das Thema Familie in allen Facetten und mit allen Konflikten nimmt viel Raum ein, aber das war in den vergangenen Jahren auch schon ähnlich. Was sich wirklich verändert hat, ist, dass die Produzenten und Regisseure mehr mit den Genres spielen, sie aufzubrechen versuchen. Die Bereitschaft, inhaltlich wie formal neue Wege zu gehen, ist groß. Es wird mehr gewagt.

Seit 2017 zeigt das Filmfest auch Serien. Welche Auswirkungen hat der Boom dieser Erzählform auf Ihre Sektion?

Es liegt maßgeblich an den Serien, dass auch die Filme bei der Qualität zugelegt haben, davon bin ich überzeugt. Mit ein paar Jahren Verzögerung hat die thematische und formale Weitung auch die 90-Minüter erreicht und befruchtet. Man sieht, die Kreativen trauen sich plötzlich mehr. Die Art zu erzählen ist eine ganz andere als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Der 90-Minüter, der von den Serien ein wenig in die Defensive gedrängt wirkt, ist also noch zeitgemäß?

Wenn er gut und modern gemacht ist: ja, natürlich. Filme und Serien sind unterschiedliche Spielarten, die beide ihre Daseinsberechtigung haben. Und wenn sich die auch noch gegenseitig befruchten, können wir Zuschauer davon nur profitieren.

Was kommt aus Ihrer Sicht im Fernsehfilm zu kurz?

Ich bin privat ein Fan von formal strengen Filmen. Mein Kino-Erweckungserlebnis als Jugendliche war das Haneke-Debüt "Der siebente Kontinent". Mir gibt es immer zu wenig Experimente mit neuen Erzählformen, aber das große Publikum kann damit wohl eher wenig anfangen. Ich bedauere es sehr, dass sich der Genrefilm in Deutschland so schwertut - mit Ausnahme vielleicht von Krimis und Komödien und hin und wieder mal einem Thriller. Man merkt im Fernsehen zu vielen Filmen die Kompromisse an, die gemacht wurden, um die gedankliche Autobahn der Zuschauer zu treffen. Dieses Bestreben, niemanden auszuschließen, alle mitzunehmen, führt zu einer gewissen Beliebigkeit.