Münchner "Abendzeitung":Viele misstrauen dem neuen Mittelständler aus Straubing

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Die Zeitung vom 1. Juli ist eine einmalige Ausnahme-Nummer, die praktisch ohne Mitarbeiter herauskommt und ohne München-Teil. Dafür will Balle, der neue Eigentümer, auf Seite Eins eine Art Antrittserklärung abgeben. Ein Bekenntnis zur kosmopolitischen Weltsicht soll es werden, Europa sei die Zeitung in seinem Besitz ebenso verpflichtet wie dem Frieden und der Kultur, und eine Stadtzeitung, das soll die neue Abendzeitung vor allem sein.

Nichts eigentlich, was auf radikale Veränderung hinweist. Trotzdem misstrauen viele dem Mittelständler aus Straubing, der jetzt ihr Münchner Kindl in Händen hält und es auch mit überregionalen Texten aus dem Pool seines Tagblatts füttern will.

Sie misstrauen der Zahl von bis zu 35 Mitarbeitern, die dann in München beschäftigt sein sollen; sie argwöhnen, Balle gebe nur vor, die Lokalredaktion fast vollständig übernehmen zu wollen. Sie fragen, wie man Sportergebnisse ins Blatt bringen möchte, wenn bereits um 19 Uhr Andruck sein soll, was Balle auf Anfrage bestätigt, aber das sei "nicht in Stein gemeißelt".

Ein anderes Gerücht besagt, Balle werde Mitarbeiter aus dem Transfer als Leiharbeiter beschäftigen, was aus Straubing für Redakteure dementiert wird; allerdings gebe es für künftige Pauschalisten das Angebot, vier Wochen lang im Rahmen der Transfergesellschaft für die neue AZ zu arbeiten, was finanziell für die Journalisten lukrativer sei.

Auch Gehaltseinbußen soll es geben, was Balle einräumt, im Schnitt jedoch würden "rund 90 Prozent" des alten Gehalts bezahlt. Noch liege aber, genau wie es das Verfahren erfordere, keinem Mitarbeiter ein Vertrag vor.

An diesem Dienstag um 10 Uhr wird Martin Balle seine Antrittsrede halten, in den neuen Redaktionsräumen an der Garmischer Straße 35 und vor denjenigen, die er gerne künftig als Mitarbeiter hätte. Die Abendzeitung hat viel zu verlieren, Balle auch. Mal sehen, wie das zusammenpasst.

Während es am Montag leise aus dem Konferenzraum murmelt, kann man in der Hopfenpost den scheidenden Chefredakteur Arno Makowsky im hellen Sakko ausmachen. Makowsky, der mal gesagt hat, Chefredakteur der Abendzeitung sei wie Trainer beim FC Bayern. Er steht mit der Brille auf der Nase in der menschenleeren Poststelle und ist über den Sportteil seiner letzten Abendzeitung gebeugt.

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