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"Mr. Dicks" auf Einsfestival:Darauf ein Gläschen Rentier-Urin

Mr. Dicks #Rausch; "Mr. Dicks"

Mr. Dicks, titelgebende Figur des Magazins auf Einsfestival.

(Foto: WDR)

Hochemotionales und Subversives will das Gesellschaftsmagazin "Mr. Dicks" auf Einsfestival zeigen. Am Ende von Folge eins zum Thema "Rausch" bleibt jedoch ein gescheitertes TV-Experiment - und eine erwartbare Erkenntnis, die tierische Fäkalien betrifft.

"Skål", sagt der junge Mann in die Kamera und stürzt ein Glas Rentier-Urin hinunter. Dann folgen Würgegeräusche und ein sehr angewidertes "Iiihhhh, ist das ekelhaft". Das klingt nach RTL-Dschungelcamp, vielleicht mit einer Prise Jackass, findet aber tatsächlich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk statt.

Mr. Dicks heißt das neue Format, vom federführenden WDR als crossmediales Projekt angekündigt, das beim Digitalspartenkanal Einsfestival, im Netz und auch im Radiosender 1Live stattfindet. "Mutiges Autorenfernsehen" soll es sein, bei dem sich die Macher "kreativ austoben können". Jede Episode hat ein Leitthema, das in verschiedensten Beiträgen, von Songs über Animationen bis hin zu Porträts und Reportagen, behandelt wird. Klingt gut, klappt in Folge eins aber bestenfalls bedingt.

Nachdem die Pilotfolge im vergangenen Jahr "Waffen" zum Thema hatte, geht es nun um den "Rausch" in all seinen Ausprägungen. "Rentier-Urin, der high macht; Fußball, der uns berauscht; ein Downhill-Fahrer im Geschwindigkeitsrausch; Musiker im betrunkenen Selbstversuch", fasst eine Off-Stimme zu Beginn die 30 Sendeminuten zusammen. Was folgt, erinnert an eine etwas schneller geschnittene Version von Pro Siebens Wissensmagazin Galileo. Beitrag reiht sich an Beitrag. Dazwischen veranstaltet die titelgebende Cartoonfigur Mr. Dicks - der aussieht, als habe jemand mit petrolfarbenem Knetgummi versucht, einen 70er-Jahre-Pornostar zu basteln - mit seinem Flamingo allerlei Seltsamkeiten.

Wie war noch mal das Thema?

Verantwortlich für das Ganze ist die Kölner Kreativfirma Bildundtonfabrik, die zuletzt für Formate wie das Neo Magazin mit Jan Böhmermann oder Heimwärts mit ... (beide ZDF Neo) viel Lob einheimste. Mr. Dicks soll nun Grenzen des im Fernsehen Machbaren ausloten, Tabus brechen. Da werden kommentarlos jubelnde Fußballfans abgefilmt und Youtube-Videos mit extatisch tanzenden Menschen zusammengeschnitten. Ein Mountainbiker fährt mit Helmkamera eine steile Abfahrt hinunter und kommentiert live: "Hier kommt der Zielsprung mit zwölf Metern Flugphase - die totale Entspannung." Wie war noch mal das Thema? Rausch, ach ja.

Hatte in der Pilotfolge noch Olli Schulz (der sich mittlerweile von Pro Sieben in einer Kiste verschicken lässt, aber viel mehr kann als bloßen Klamauk) einen Waffen-Song beigesteuert (zu hören hier), so konnte für "Rausch" der wunderbare Schauspieler Lars Eidinger gewonnen werden. Sein Beitrag aber besteht leider darin, ein kurzes Textchen zu sprechen, eine Kappe mit klimpernden Röhrchen aufzusetzen, Rauch ins Gesicht geblasen zu bekommen und sich im Kreis zu drehen. Minutenlang.

Vermutlich wollen uns Bildundtonfabrik und ihre Auftraggeber damit irgendetwas wirklich Wichtiges sagen. Vielleicht ist Mr. Dicks tatsächlich viel mehr als ein aus fragwürdigen Beiträgen zuammengenageltes Sendegerüst. Vielleicht muss so ein "subjektives Gesellschaftsmagazin" aussehen, wie es in der Ankündigung heißt. Vielleicht ist das Ganze aber auch schlicht ein gescheitertes Experiment.

Und zu dem jungen Herrn vom Anfang: Er wollte der Sage nachgehen, wonach der Genuss von frischem Rentier-Urin high mache, wenn die Tiere vorher Fliegenpilze gefressen hätten. Das Ergebnis seiner Recherchereise nach Schweden mitsamt beschriebener Verkostung: "Die bittere Erkenntnis hier oben ist: Rentier-Urin macht einfach nich' high." Gut zu wissen.

Mr. Dicks, Einsfestival, 22.10 Uhr