"Mörderische Hitze" im Spreewald Lodernder Wahnsinn

Gottfried (Roeland Wiesnekker) hat einen Mord begangen. Doch wer ist sein Opfer?

(Foto: ZDF und Holly Fink)

Eine zerstückelte Leiche, ein blutverschmierter Täter - im sechsten "Spreewaldkrimi" im ZDF haben es die Komissare Krüger und Fichte mit der Tat eines Verrückten zu tun. Bis zum Schluss bleibt unklar, wer in diesem packenden Regionalkrimi eigentlich das Opfer ist.

Von David Denk

Zögerlich nähern die Männer sich der Hütte im Wald. Eine grausige Vorahnung verlangsamt die Schritte der Hauptkommissare Krüger (Christian Redl) und Fichte (Thorsten Merten). Fliegen schwirren durch die heiße Luft. Mit jedem Meter mehr. Dutzende, Hunderte. Der Anblick der zerstückelten Leiche dreht Fichte den Magen um, schweigend sitzen die Männer später beisammen. Als Kriminalbiologin Anna (Rike Schäffer) aus der Hütte stürzt, bittet sie Krüger: "Kannst du mich in den Arm nehmen?"

Der Täter ist dem Zuschauer da längst bekannt: Gottfried Richter (Roeland Wiesnekker) liegt im künstlichen Koma, nachdem er mit Blut an den Händen, an der Hose, überall, vor einen Betonmischer gelaufen ist. "Hot town, summer in the city", krächzt Joe Cocker im Autoradio, als wäre Hitze etwas Schönes. Ein Blick in Richters fiebriges Gesicht offenbart, dass sie hier vor allem eines ist: ein Brandbeschleuniger des Wahnsinns. "Mörderische Hitze" eben. Wer sein Opfer wurde, bleibt bis zum Schluss unklar.

Vom Ende her rekonstruiert der sechste "Spreewaldkrimi" das Scheitern eines Mannes, der alles verliert, seinen Job, seine Frau, seine Hoffnung, zuletzt den Verstand. Er redet mit sich selbst und den Päckchen, die er ausfahren sollte, aber unter einen Baum gekippt hat. Das Ende ist der Anfang, und der ist alles andere als happy.

Eindringlich und schonungslos

Wie aus frischer Verliebtheit, grenzenloser Zuversicht, atmosphärischen Spannungen, offenen Vorwürfen, Eifersucht und stummer Verzweiflung, die immer lauter wird, rasende Perspektivlosigkeit erwächst, erzählen Thomas Kirchner (Buch) und Kai Wessel (Regie) so eindringlich und schonungslos, dass man kaum glauben kann, dass der Film wirklich im ZDF läuft.

"Mörderische Hitze" ist nicht weniger als ein Ereignis, das nicht mehr sein möchte als ein atmosphärisch dichtes Krimidrama und über sich hinauswächst, weil es sich ernst nimmt, aber nicht zu ernst. Alle Gewerke leisten Beeindruckendes: Stellvertretend genannt sei die nuancierte Bildgestaltung von Holly Fink und der epische Score von Komponist Ralf Wienrich, eingespielt vom Filmorchester Babelsberg. Casterin Simone Bär möchte man spontan umarmen.

Denn getragen wird der Film von seinen hinreißenden Darstellern, Christian Redl natürlich, dessen asketisch-unergründlicher Krüger literarischen Figuren näher steht als den meisten TV-Kommissaren, aber allen voran von Roeland Wiesnekker, der seinen Richter auf eine Reise ins Herz der Finsternis schickt - einfache Fahrt. Ein gutmütiger Brummbär, liebenswert in seiner Tapsigkeit, der zum Mörder wird. Nicht aus Habgier, nicht aus Eifersucht, einfach so. "Glaubst du, dass uns ein falsches Wort, eine flapsige Bemerkung auf immer prägen kann?", fragt Krüger die Kriminalbiologin. "Kann es in uns gären, bis es eine Katastrophe auslöst?" Dieser Krimi hat keine Antwort, aber viele aufwühlende Fragen.

Nicht zuletzt ist "Mörderische Hitze" ein berührender Heimatfilm, der die identifikatorische Kraft regionalen Brauchtums spürbar macht. Die Verbundenheit und Nähe, aus der schnell Enge werden kann. Regionalkrimis wie diesen kann es gar nicht genug geben. Nur die zwanghaft drolligen gehören verboten.

Spreewaldkrimi: Mörderische Hitze, ZDF, 20.15 Uhr