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"Missing Lisa" bei ZDF Neo:Sag bloß!

Missing Lisa

Gleich sagt einer "Let's go!" und alle können aufstehen. Von links: Zoë (Violet Braeckman), Bart (Michai Geyzen), Michiel (Boris Van Severen) und Ylena (Laurian Callebaut).

(Foto: Sofie Gheysens/ZDF und Sofie Gheysens)

Vermisstensuche auf Selbstfindungswanderweg: "Missing Lisa" könnte eine starke Dramaserie sein - wenn nur weniger geredet würde.

Von Jakob Biazza

Lisa ist verschwunden, irgendwo auf dem Fernwanderweg GR 5, der von Rotterdam nach Nizza führt, was natürlich gleich eine tragische Ironie aufmacht: Menschen gehen solche Wege ja sonst eher, um sich selbst zu finden. Deshalb ist Lisa auch nicht ganz weg. Es gibt noch ein Reisetagebuch von ihr - Wegbeschreibungen, Stimmungslage, das Wetter. Aber auch so etwas wie Gedichte: "Weggehen ist etwas anderes, als sich aus dem Haus zu schleichen / Du schließt die Tür hinter deinem Dasein und kehrst nicht zurück / Du bist jemand, auf den man wartet".

Man erfasst den Sachverhalt also sprachlich präziser (und die Doppeldeutigkeit des Titels Missing Lisa auch), wenn man sagt: Lisa wird vermisst. Von Freunden. Und der Familie. Die Umstände ihres Verschwindens vor fünf Jahren sind schließlich nicht geklärt. Die Tagebucheinträge klingen phasenweise düster, weshalb die Polizei einen Suizid so wenig ausschließen kann wie ein Gewaltverbrechen oder einen Unfall. Beim jährlichen Trauertreffen beschließen Lisas engste Menschen deshalb, die 2000 Kilometer selbst zu gehen. Auf der Suche nach Gewissheiten, nach Hinweisen, nach, klar: sich selbst.

Der eher introvertierte Dokumentarfilmer Michiel (Boris Van Severen) wittert Filmstoff, das eher extrovertierte Model Zoë (Violet Braeckman) eine Chance zur Alltagsflucht. Die beiden waren wohl mal so etwas wie ein Paar. Genau wie die vermisste Lisa (Indra Cauwels) und Asim (Saïd Boumazoughe), der - das bildet einen starken Kontrast zu den unterm Strich doch normal kleinbürgerlichen Lebensentwürfen der anderen - "Syrienkämpfer" war. Asim kann Kampfhunde in freier Wildbahn köpfen. Er schreit und wimmert und zittert im Schlaf und ist etwas in Ungnade gefallen, als er Lisa einst verlassen hat.

Zusammen mit Lisas Vater (Lucas Van den Eynde) und Ylena (Laurian Callebaut), die seit einer Krankheit nur noch mit einem speziellen Hörgerät hört und freiwillig kochend heiß duscht, bis sie brüllt, wandert man in der belgisch-deutschen Co-Produktion also von Meer zu Wald zu Berg. Die sozialen Spannungen wechseln mit der Wetterlage und der Größe der Blasen an den Füßen und Missing Lisa könnte eine sehr stabile Thriller- oder Dramaserie sein: vielversprechender Grundplot, naturalistisch dampfende Natur, teilweise gut gespielt.

Leider vertraut sie, wie so viele deutsche und einige europäische Serien, ihren Bildern und Darstellern nicht. Deshalb müssen die Protagonisten ständig sagen, was jeder eh sieht. Sie flüchten vor einem Gewitter in eine verfallene Waldhütte, es ist dunkel und kalt, die Mustertapete modert, dass es fast zu riechen ist, und einer blickt starr und lang auf sein Handy, schüttelt den Kopf, resigniert und sagt: "Hier gibt es kein Netz." Kurze Pause. Dann sagt ein anderer: "Das liegt am Gewitter." Sie knicken um, schreien bei der Untersuchung des Sprunggelenks vor Schmerzen und einer sagt: "Das tut also weh." Irgendwer sagt: "Let's go!" Erst dann können alle aufstehen und losgehen. Der Satz fällt oft. Es geht um eine lange Wanderung.

Missing Lisa. Mittwochs, 23.15 Uhr bei ZDF Neo und in der ZDF-Mediathek.

© SZ/ebri
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