Miniserie Dicht wie der Dschungel

In der französischen Serie "Die Geister des Waldes" gibt es feuchte Wälder, Fetische und geheime Symbole. Auch sonst kommt sie daher wie eine französische Adaption von "True Detective".

Von Benedikt Frank

Geister, geheimnisvolle Fetische und dazwischen die Polizistin Chloé (Stéphane Caillard).

(Foto: David Bersanetti/Arte)

Chloé fährt mit ihrem neuen Polizeipartner Dialo im Boot auf dem breiten Dschungelstrom Maroni zum ersten Einsatz. "In diesem Land herrschen eigene Regeln", sagt ihr Dialo: "Die Grenzen sind unsichtbar, die Feinde sind Geister." Dieses Land ist das südamerikanische Überseedépartement Französisch-Guyana. Und auf das Werk des Geistes treffen sie bereits nach der nächsten Flussbiegung. Da treibt ein Boot, vom Segel bis unters Deck rot vor Blut. Am Mast hängen die Besitzer, ein französisches Ehepaar, kopfüber neben einem Faultierkadaver. Der Sohn der Ermordeten fehlt. Der einheimische Dialo ist bald sicher: Er wurde von einem Kult um einen Waldgeist entführt.

Dessen Anhänger nennen das Wesen ehrfürchtig den Iskander. Ob sie über einen Mythos oder eine reale Person sprechen, lässt sich kaum sagen. Zwischen Lianen und Mangrovenwurzeln hängen ihre Fetische, Geflechte aus Holz, Knochen und Draht, halb verrottete Puppen, Opfertiere, Kerzen, fremde Symbole. Während die Ermittler sich in diese Welt vortasten, erhebt sich auf der Tonspur das Schwirren der Moskitoschwärme durch die drückend dumpfige Regenwaldluft, es verschmilzt mit Trommelcrescendi zur dröhnend-ekstatischen Symphonie der Wildnis. "Das Herz der Finsternis" pocht, die Serie zitiert Joseph Conrad noch vor der ersten Szene.

Als Vorbild ist die erste Staffel der hochgelobten amerikanischen Serie True Detective aus dem Jahr 2014 leicht zu erkennen. Statt in den feuchten Urwald Französisch-Guyanas ging es dort ins Sumpfgebiet des Cajun Country um Louisiana. Die Drehbuchautoren Aurélien Molas und Olivier Abbou, letzterer führt auch Regie, haben sich bei den Motiven der HBO-Serie so großzügig bedient, dass Die Geister des Flusses auch gut als französisches Remake durchgeht. Beide Serien handeln von Polizisten, die Voodoo-Ritualmorde und das Verschwinden von Kindern aufdecken wollen. True Detective lässt sich dafür acht Stunden Zeit, die vier Folgen Die Geister des Flusses kommen auf knapp drei. Die vielgelobte Langsamkeit des Vorbilds weicht folglich einer gewissen Eile.

Preise für die Originalität der Geschichte wird Die Geister des Flusses so nicht erhalten, aber es war auch bei True Detective nicht unbedingt der Plot, der auffiel, sondern die Art, wie dieser transportiert wurde. Beeindruckender ist die atmosphärische Dichte der Arte-Miniserie. Solch rauschhafte Dschungelbilder sind so selten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dass sie unter Artenschutz gestellt werden müssten. Die Geister des Flusses ist radikal und stimmungsvoll. Bis auf einen exotischen Drehort hat die Serie im positiven Sinn wenig mit den unzähligen Länderkrimis gemein. Allerdings kommt die Idee etwa vier bis fünf Jahre zu spät. So ist die Serie heute zwar ein besserer Fernseh-Krimi mit für eine europäische Produktion außergewöhnlichem Stil. Aber eben auch Nachhall statt Avantgarde.

Die Geister des Flusses, Arte, 20.15 Uhr.